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Baisse in Sicht?

Andreas Hoose
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kwietsche3 – 20. November 2007 – 9:17
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Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit die Börse die allermeisten Anleger immer wieder an der Nase herumführt. Und man muss gar nicht lange suchen, um eindrucksvolle Beispiel hierfür zu finden: Noch vor wenigen Wochen waren die Börsen-Kommentare voll von Warnungen vor einem bevorstehenden Crash. Kein Wunder, mit dem September lugte der traditionell schwächste Börsenmonat gerade um die Ecke, und den Anlegern saß der Schrecken der gerade erst ruchbar gewordenen US-Finanzkrise noch in den Gliedern.

Was folgte war ein ungewöhnlich starker September, den wir als überzeugte Antizykliker unseren Lesern übrigens rechtzeitig Mitte August angekündigt hatten, das aber nur nebenbei. Beim S&P 500 brachte der „Schreckensmonat“ das beste Ergebnis seit neun Jahren:

Der „Schreckensmonat“ September war diesmal gar nicht so furchtbar...

Bis vor Kurzem war dann erstaunlich häufig von der bevorstehenden Jahresendrallye die Rede. Und was macht die Börse? Seit Anfang November geht es steil abwärts. Auch die vergangene Woche war eine der schwächsten des gesamten Jahres, von Rallye keine Spur. Nun sind es nur noch wenige Wochen bis Jahresultimo, sechs um genau zu sein, und die ersten Stimmen verschieben die „Jahresendrallye“ bereits in das Frühjahr 2008...

Was denn nun?

Bei Licht besehen ist das alles doch gar nicht so schwierig. Investoren-Legende Warren Buffett hat das Rezept für langfristigen Börsenerfolg in einem einfachen Satz formuliert: „Man muss gierig werden, wenn alle anderen ängstlich sind – und ängstlich, wenn alle anderen gierig werden“.

Warum also halten sich die Leute nicht einfach an diese simple Formel? Sehr einfach: Weil das Ganze nicht so einfach ist, wie es sich anhört.

Das liegt daran, dass den meisten Menschen der Herdentrieb in die Wiege gelegt wurde. Von wegen gierig werden, wenn andere ängstlich sind. Das genaue Gegenteil passiert bei den meisten Anlegern: Wenn die Kurse so richtig in den Keller rauschen, dann haben sie die Hosen gestrichen voll.

So ist es kein Wunder, dass antizyklisches Vorgehen an der Börse seit jeher einer kleinen Minderheit vorbehalten ist – und das wird auch so bleiben, solange die Menschen so sind, wie sie nun mal sind: Ängstliche Schäfchen, die sich dann am wohlsten fühlen, wenn sich alle wohl fühlen – und die dann in Panik geraten, wenn alle in Panik geraten.

In ihrer Not, und weil man das Ganze ja irgendwie in den Griff kriegen will, greifen viele Anleger dann zu Hilfsmitteln. In jüngster Zeit erfreut sich das Thema „Saisonalität“ wachsender Beliebtheit. Das erkennt man unter anderem daran, dass saisonale Muster immer weniger funktionieren. Bekanntlich befinden wir uns gerade mitten im „starken November“. Das übrigens ist an der Börse immer so: Je mehr Anleger eine bestimmte Methode für sich entdecken und sich bei ihren Entscheidungen daran orientieren, desto weniger funktioniert das Ganze.

Fragen Sie beispielsweise einmal einen erfahrenen Charttechniker, wie zuverlässig bestimmte Ausbruchssignale noch sind – im Vergleich zu früher. Sie werden staunen. Hier scheint es nämlich genauso zu sein: Je mehr Anleger nach bestimmten Mustern handeln, desto weniger zuverlässig werden diese Muster.

Es ist daher ratsam, ein wenig um die Ecke zu sehen, um zu erkennen, was an den Märkten eigentlich los ist. Dabei ist es erstaunlich, dass uralte Erkenntnisse, die sich noch dazu ganz einfach nachvollziehen lassen, mitunter hilfreicher sind als die kompliziertesten Berechnungen.

Charles Dow - ziemlich schlau!

In diesem Zusammenhang ist die sogenannte „Dow-Theorie“ von Bedeutung, benannt nach dem gleichnamigen Begründer des Dow Jones Industrial-Index:

Charles Dow und Edward Davis Jones gründeten 1882 die Agentur für Finanznachrichten Dow Jones & Company und gaben mit dem Customer Afternoon Letter den ersten Börsenbrief heraus, aus dem sich das Wall Street Journal entwickelte. Um einen Richtwert für die Beurteilung der Aktienkurse zu erhalten, entwickelte Charles Dow den Dow Jones Industrial Average-Index: Die Kurswerte der zwölf wichtigsten US-Industrie-Unternehmen wurden addiert und durch zwölf geteilt.

Die Erstnotiz lag am 26. Mai 1896 bei 40,94 Punkten. Wenig später kam der Transportindex hinzu, in dem damals die wichtigsten Eisenbahnlinien zusammengefasst waren. Heute ist dieser Index mit Fluglinien, Schifffahrtsunternehmen und Logistik-Firmen besetzt. Auch Eisenbahngesellschaften sind natürlich weiterhin vertreten.

Schon um 1900 entdeckte Charles Dow einen Zusammenhang, der bis heute Gültigkeit hat: Ein nachhaltiger Anstieg des Dow Jones-Index muss durch einen Anstieg des Transportindex bestätigt werden. Die Überlegung: Wenn die Produzenten steigende Gewinne melden, dann haben sie mehr Waren hergestellt. Wenn mehr produziert wurde, müssen diese Güter zu den Kunden transportieren werden. Steigende Kurse bei den Industriewerten müssen demnach von den Transportwerten bestätigt werden.

Folglich muss ein Investor sowohl den Dow Jones Index als auch den Transportindex beobachten. Solange beide Indizes in die gleiche Richtung tendieren, ist alles in Ordnung. Liegt eine Divergenz vor, muss man wachsam werden.

Und kürzlich, Sie ahnen es, hatte sich eine solche Divergenz gebildet: Das jüngste Hoch beim Dow Jones (rote Linie in der folgenden Abbildung) wurde durch den Transport-Index (blau) nicht bestätigt, und zwar sehr deutlich.

Während der Dow Jones weit vorgeprescht war, hatte der Transport-Index seinen Aufwärtstrend während der August-Korrektur nach unten verlassen, und konnte sich dann, anders als der Dow, nicht wieder erholen. Nun scheinen die Kurse der Transport-Unternehmen noch weiter weg zu knicken. Dazu gleich mehr.

Interessant ist, dass der Dow dem „kleinen Bruder“ jetzt wieder folgt. Längerfristig werden sich beide Linien wieder treffen. Das Erstaunlichste ist aber: Dieses simple Signal hatte rechtzeitig vor der laufenden Korrektur gewarnt, nämlich schon im Spätsommer.

Die gegenläufige Entwicklung bei Transport-Index (blaue Linie) und Dow Jones warnte bereits im Spätsommer vor einer nahenden Korrektur...

Was bedeutet das nun aber? Zunächst ist festzuhalten, dass die gerade laufende Korrektur vor allem für jene überraschend kommt, die vor Kurzem noch von der Jahresendrallye gefaselt haben. Wer ein wenig genauer hingesehen hat, der konnte erkennen, dass die jüngsten Enttäuschungen in den Quartalsberichten einiger Unternehmen schon vor geraumer Zeit an der Schwäche des Transport-Index erkennbar waren.

Warum das so ist: Bei den Transportunternehmen machen sich die Auswirkungen einer wirtschaftlichen Flaute am schnellsten bemerkbar, da hier weit häufiger aktuelle Zahlen veröffentlicht werden.

Während in anderen Branchen meist nur Quartalszahlen vorliegen, werden Daten zum Gütertransport per Schiff, auf der Schiene oder auch die Passagierzahlen der Fluggesellschaften regelmäßig und in kurzen Abständen bekannt gegeben.

Die Grafik zeigt nun aber auch, dass die Schwäche bei Dow Jones und Co. noch nicht ausgestanden sein dürfte: Bis sich beide Linien wieder einander annähern, wird noch einiges passieren.
Das Gute daran: Je tiefer es jetzt nach unten rauscht, desto größer sind die Chancen auf eine doch noch einsetzende Jahresend-Rallye. Oder zumindest auf eine starke Gegenbewegung...

Darauf zu wetten wäre im Moment aber noch zu früh: Denn dass die Lage gerade bei den Transportunternehmen durchaus unerfreulich ist, belegt ein prominentes Beispiel: Federal Express (US-Kürzel FDX), zusammen mit UPS (US-Kürzel UPS) einer der Platzhirsche im US-amerikanischen Transport-Sektor, war während der Hausse seit 2003 ein Garant für steigende Kurse. Jedes Jahr Anfang Oktober konnte man die Aktie sozusagen blind kaufen: In Vorwegnahme des Weihnachtsgeschäfts kam die Notierung pünktlich wie ein Uhrwerk immer zur gleichen Zeit in Schwung.

Diesmal ist das anders. Die folgende Grafik zeigt, dass der Aktienkurs erstmals seit 2003 mit Beginn des Schlussquartals nach unten abdreht. Das ist ein schlechtes Zeichen, auch für die konjunkturelle Lage in den USA. Womöglich sehen wir hier die ersten Anzeichen dafür, dass rezessive Tendenzen in den USA eine Baisse auslösen.

Es passt ins Bild, dass FedEx am vergangenen Freitag enttäuschende Quartalszahlen und einen schwachen Ausblick vorgelegt hat, die den Aktienkurs weiter auf Talfahrt schickten:

Darauf zu wetten, dass die Aktien aus dem Transport-Index jetzt nach oben durchstarten und die Divergenz zum Dow Jones dergestalt aufgelöst wird, ist daher wenig empfehlenswert. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Derzeit trennt die beiden „Geschwister“ ein Abstand von etwa zehn Prozent. Zehn Prozent? Das wäre ein Kursziel beim Dow Jones von 12.000 Punkten, sofern der Transport-Index auf der Stelle stehen bleiben würde - was er natürlich nicht tun wird. Rechnen Sie daher vorsichtshalber in den kommenden Wochen mit einem eher schwachen Weltleitindex.

Aus antizyklischer Sicht wäre es durchaus wünschenswert, sollte demnächst noch einmal die Angst umgehen und die Schafherde in wilder Flucht davon preschen: Eine ausgewachsene Panik würde einem nachfolgenden Anstieg einen fruchtbaren Boden bereiten.

Vermutlich wird es also so sein wie immer: Eine Rallye wird erst dann einsetzen, wenn niemand mehr damit rechnet. Ob dann noch eine Jahresendrallye daraus werden kann, das wird sich zeigen.

Wie wir die Lage jetzt einschätzen und was wir unseren Lesern raten, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die am vergangenen Mittwoch erschienen ist.
Anmeldungen unter www.antizyklischer-börsenbrief.de

Autor: Andreas Hoose