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Totgesagte leben länger

Andreas Hoose
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kwietsche3 – 18. Dezember 2007 – 10:22
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Vor einigen Tagen war in der Süddeutschen Zeitung ein ganzseitiger Artikel zu finden, der sich mit einem einzigen Thema beschäftigte. Die Überschrift lautete: „Ein Nachruf auf den Dollar“.

Das Internet-Lexikon Wikipedia vermerkt dazu: Der Nachruf ist eine Würdigung des Lebenswerks eines kürzlich Verstorbenen. Bei Prominenten erscheint der Nachruf meist in Zeitungen und Zeitschriften.

Die Sache ist also klar: Folgt man den wichtigen Medien, ist der Dollar am Ende, erledigt und begraben. Die Süddeutsche Zeitung steht mit ihrer Aussage ja keineswegs alleine. Nahezu sämtliche Medien prügeln auf den Greenback ein. Derzeit würde niemand auch nur einen Pfifferling auf den Dollar wetten.

Als antizyklisch vorgehende Anleger werden wir uns den Trauerreden schon aus diesem Grund nicht anschließen. Wenn sich alle einig sind, dann ist uns das vor allem erst einmal suspekt. Ist es denn tatsächlich so schlimm bestellt um den Greenback, dass man ihn bereits zu Grabe tragen muss?

Hierzu zunächst eine wichtige Bemerkung:

Die Börsengeschichte lehrt, dass Extrempositionen in der Mehrheitsmeinung fast immer wichtige Wendepunkte markieren. Das war so im Frühjahr des Jahres 2000 als Bäckerlehrlinge, Anstreicher und Taxifahrer über die Aussichten populärer Internet-Aktien bestens informiert waren. Und im Vorfeld der zweiten großen Börsenbaisse des vergangenen Jahrhunderts versprach im Jahr 1929 sogar der amtierende US-Präsident dauerhaften „Wohlstand für alle!“.

Doch man muss gar nicht so weit in die Geschichte zurückblicken: Ich erinnere mich noch gut, wie Anfang 2007 einige Kommentatoren allen Ernstes einen Ölpreis von zehn (!) US-Dollar für die nahe Zukunft prognostizierten. Was aus aktueller Sicht völlig absurd erscheint, das wird beim Blick auf die langfristige Entwicklung des Ölpreises verständlich:

Es war das gleiche Phänomen, das an den Börsen immer und immer wieder auftritt: Die jüngste Entwicklung wurde von den meisten Beobachtern ganz einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Womöglich konnte man seinerzeit tatsächlich besagte Kursziele aus den Notierungen ableiten, das macht die Sache aber auch nicht besser. Hellwach sollte man daher immer dann werden, wenn Experten haarsträubende Kursziele ausrufen. Blättern Sie doch einmal in alten Artikeln, Sie werden staunen, was dabei alles zutage kommt.

Derzeit, und daran besteht überhaupt kein Zweifel, hat es den US-Dollar erwischt: Die Stimmung ist derart negativ, dass eine Steigerung kaum vorstellbar ist. Sollte der Dollar demnächst von der Bildfläche verschwinden, dann können sich alle gegenseitig auf die Schultern klopfen und frohlocken: „Haben wirŽs nicht gleich gesagt?“

Leider funktioniert Börse ganz anders. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es derzeit wohl keine größere Überraschung für die Finanzmärkte geben könnte, als ein wiedererstarkender Dollar. Pikanterweise haben an der Börse ausgerechnet jene Szenarien die allergrößten Chancen, Realität zu werden, die niemand auf der Rechnung hat.

In diesem Zusammenhag ist folgende Beobachtung interessant: In der vergangenen Woche hat die US-Notenbank die Leitzinsen um 0,25 Basispunkte gesenkt. Eigentlich hätte der Greenback daraufhin weiter fallen müssen. Er tat aber das genaue Gegenteil...

Antizyklisch agierende Anleger wissen: Wenn ein Markt, eine Aktie oder auch eine Devise auf schlechte Nachrichten nicht mehr mit weiteren Kursverlusten reagiert, dann ist das oftmals ein wichtiges Anzeichen für eine bevorstehende Trendwende.

Die längerfristige Betrachtung zeigt: So weit ist es im Moment noch nicht, aber man sollte jetzt aufpassen und die weitere Entwicklung genau verfolgen:

Doch die Reaktion des Greenback auf die Zinssenkung er Notenbank war nicht die einzige Überraschung der vergangenen Woche: Die US-Erzeugerpreise für November schnellten um 3,2 Prozent nach oben. Die Jahresrate sprang auf 7,2 Prozent. Es ist der höchste Wert seit 1981...

Vermutlich erklärt das zu einem Teil die Reaktion des US-Dollar. Für die US-Geldpolitik bedeuten diese Zahlen, dass vorerst kein Anlass besteht, die Leitzinsen weiter zu senken, im Gegenteil: Sie hat aus dieser Perspektive betrachtet eher schon zu viel getan.

Ein „eher schon zu viel“ ist auch an anderer Stelle erkennbar: Bezogen auf die Kaufkraftparität sehen Volkswirte den Euro gegenüber dem US-Dollar derzeit um rund 25 Cent überbewertet. Kaufkraftparität zwischen zwei geografischen Räumen liegt dann vor, wenn Waren und Dienstleistungen eines Warenkorbes für gleich hohe Geldbeträge erworben werden können.

Die Unterbewertung des US-Dollar könnte vor allem dann interessant werden, sollten die USA auf der Konjunkturseite positiv überraschen und die Fed deshalb einen weiteren Grund hätte, die Zinsen weniger stark zu senken als derzeit angenommen wird.

Man könnte daher einfach abwarten, bis sich der Ausblick für die US-Wirtschaft wieder aufhellt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte es zu einer beträchtlichen Abwärtsbewegung des Euro gegenüber dem Dollar kommen. Mit „beträchtlich“ wäre ein Wechselkurs-Verhältnis von, sagen wir, 1,37 bis 1,38 US-Dollar je Euro gemeint, wobei in einer Übertreibungsphase auch noch ganz andere Notierungen denkbar wären...

Das deckt sich ganz gut mit der charttechnischen Betrachtung: In der Nähe von 1,37 US-Dollar befinden sich zwei zentrale Unterstützungsbereiche:

Die Prognose ist weit weniger aus der Luft gegriffen, als es zu nächst erscheint: Der schwache Dollar stärkt derzeit die Wettbewerbsfähigkeit von US-Produkten auf dem Weltmarkt, und zwar ganz massiv. In den Zahlen zum US-Export wird das bereits erkennbar. Gleichzeitig sorgen die im Ausland erzielten Gewinne über den Währungseffekt für zusätzliche Gewinndynamik bei den international tätigen US-Unternehmen.

Was macht China?

Was gerne übersehen wird: Ein Großteil der Dollar-Schwäche ist der Tatsache geschuldet, dass der Dollar gegenüber Währungen jener Länder, mit denen die USA ein massives Handelsbilanzdefizit aufgebaut haben, gar nicht abwerten kann.

Das gilt insbesondere für China. Die Regierung dort hat immer wieder US-Dollar aufgekauft, um die eigene Währung künstlich niedrig zu halten und so die Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft zu fördern. Mittlerweile verfügt China über die größten Dollar-Reserven der Welt. Das Problem dabei: Der chinesische Renminbi darf gegenüber dem US-Dollar lediglich in einer engen Bandbreite von derzeit 0,5 Prozent schwanken.

So langsam wird diese „Zwangsjacke“ zum Problem: So hat der niedrige Dollar in China die Inflation auf Rekordwerte angeheizt. Wichtige Importgüter wie etwa Rohstoffe wurden dadurch unverhältnismäßig teuer. Eine flexiblere chinesische Wechselkurspolitik wird international längst eingefordert. Vermutlich wird das Spielchen aber noch so lange weiter gehen, bis die Schmerzgrenze für die Chinesen erreicht ist. Dass sie irgendwann erreicht sein wird, steht außer Frage.

Schließlich könnte sich die derzeitige Schwäche des Dollar am Ende gar als Stärke erweisen: Von einer Leitwährung wird erwartet, dass sie flexibel reagiert, wenn es zu Verwerfungen im Finanzgefüge kommt. Und die gibt es derzeit zweifellos: Dabei ist das ausufernde US-Handelsbilanzdefizit nicht der einzige Grund für die Talfahrt des Dollar. Hinzu kommen die Subprime-Krise und steigende Rezessionserwartungen.

Doch antizyklisch agierende Anleger wissen: Irgendwann sind all diese Hiobsbotschaften in den Kursen „verarbeitet“. Das gilt für Aktienmärkte ganz genauso wie für Devisen.

Wir rechnen deshalb damit, dass die Überraschungen beim Dollar in den kommenden Monaten auf der positiven Seite zu finden sind. Die Reaktion auf die Zinssenkung der Notenbank in der vergangenen Woche war ein erster Hinweis in diese Richtung.

2008 also das Jahr des Dollar? Die Überraschung könnte kaum größer ausfallen....

Wie wir die Lage jetzt einschätzen und was wir unseren Lesern raten, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die in der vergangenen Woche erschienen ist.

Anmeldungen unter www.antizyklischer-börsenbrief.de