Kirschbaum – 16. April 2008 – 13:47
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Aufregende Börsenwochen liegen hinter uns. Die weltweiten Aktienmärkte befinden sich seit Beginn des Jahres auf Talfahrt. Der VDAX, der die Schwankungsbreite (Volatilität) der DAX-Werte misst, verdoppelte sich in der Spitze glatt!
Aber nicht nur die Aktien erwischte es. Auch auf anderen Märkten gab es heftige Turbulenzen. Infolge der kräftigen Leitzinssenkungen in den USA explodierten die Anleihekursen, die zudem als vermeintlich sicherer Hafen von Anlegern angesteuert wurden. Und der Dollar fiel gegenüber nahezu allen wichtigen harten Weltwährungen ins Bodenlose.
Die Entwicklung kam allerdings nicht völlig überraschend. Die Trends im zweiten Halbjahr 2006 insbesondere auf den Devisenmärkten waren bereits deutliche Warnsignale. Wir haben auf die gravierenden Probleme, mit denen vor allem das amerikanische Wirtschaftssystem derzeit zu kämpfen hat, frühzeitig und unermüdlich warnend hingewiesen. Lesen Sie meine Kolumnen von damals nach!
Doch kaum, dass die Aktienmärkte ein paar Tage im Plus geschlossen haben, scheint für viele die Krise bereits überstanden, ein Boden gefunden und neue Höchstkurse nur noch eine Frage der Zeit. Wenn das so wäre, könnte man das, was sich in den letzten Wochen an den weltweiten Finanz- und Kapitalmärkten abgespielt hat, tatsächlich als nichts anderes als bloß eine „Korrektur“ bezeichnen.
Es ist schlichtweg realitätsfremd und naiv, anzunehmen, solch tiefgreifende realwirtschaftliche Verwerfungen wären innerhalb von drei Monaten in die Kurse eingepreist. Seit fast fünf Jahren kannten die Aktienmärkte weltweit nur eine Richtung, nämlich nach oben. So lange dauert die Hausse, die im Frühjahr 2003 auf dem Höhepunkt des Irak-Krieges ihren Ursprung nahm. Damals stand der DAX bei ca. 2.200 Punkten.
Erst zum Jahreswechsel 2008 (!) erreichte der DAX sein Allzeithoch im Bereich von 8.100 Punkten. Selbst nach dem deutlichen Rückgang der letzten Wochen liegt der Index heute noch immer rund 4.500 Punkte oder mehr als das Dreifache über dem Ausgangswert dieser fulminanten Rallye!
Man sollte daher das große Bild im Auge behalten, um die jüngsten Kursverluste richtig einordnen zu können. Viele Anleger, die erst später, als die Rallye bereits in vollem Gange auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind, vielleicht sogar erst im vergangenen Sommer, als die Medien nach dem Überwinden der 8.000er Marke die Börse wieder als Thema entdeckt und aufgepusht haben, durchleben zur Zeit einen „gefühlten Crash". Tatsächlich notiert der DAX aber gerade einmal gut 20 Prozent unter seinem Rekordniveau und das nach einem vorangegangenen Anstieg um fast 300 Prozent! Und tatsächlich dauert die Schwächephase – jedenfalls auf den DAX bezogen – bislang lediglich drei Monate!
Die Subprimekrise ist für die Realwirtschaft weitaus gefährlicher als seinerzeit das Platzen der "Dot.com-Blase". Denn diesmal geht die Krise nicht von den Unternehmen aus, sondern von der Nachfrageseite! Der (amerikanische) Verbraucher hat kein Geld mehr in der Tasche. Steigende Preise, hohe Rohstoff- und Energiekosten, zunehmende Arbeitslosigkeit, Verluste am Aktienmarkt, schwache Währung, hohe Zinsen und Kreditbelastungen, fallende Häuserwerte, geringe Sparquote - da kommt wenig Freude am Einkaufen auf! Hinzu kommt ein massiver Vertrauensverlust und existentielle Zukunftsängste der Menschen. Konsequenz: Das Wenige im Portemonnaie wird zusammengehalten.
Der Konsum, die tragende Säule der größten Volkswirtschaft der Welt, droht vollends wegzubrechen und den gesamten Globus mitzureißen. Denn die Weltwirtschaft hängt letztlich am Tropf des amerikanischen Verbrauchers, der als wichtigster Importeur weltweit Konsumgüter nachfragt.
Das Fatale an einer nachfragebedingten Krise ist die Machtlosigkeit der Geldpolitik. Kann man Unternehmen mit niedrigen Zinsen zum Investieren locken, funktioniert das bei privaten Haushalten nicht so einfach. Leitzinssenkungen der Notenbanken kommen in der Regel kaum beim "kleinen Mann" an, weil die Geschäftsbanken die Zinsen für Privatdarlehen oder Hypothekenkrediten nicht flexibel anpassen und damit die günstigen Konditionen, die sie von der Zentralbank zur Refinanzierung eingeräumt bekommen, nicht an ihre Kunden weitergeben. Sie kennen das zweifellos von Ihrer eigenen Hausbank.
Die Hoffnungen auf den von Fed-Chef Bernanke angekündigten Geld abwerfenden Helikopter sind daher allein psychologischer Balsam, aber illusorisch. Die Probleme werden dadurch nicht gelöst, abgesehen davon dass Zinsschritte mit einer zeitlicher Verzögerung von mehreren Monaten wirken, also ohnehin viel zu spät kommen.
Die übertriebenen Zinssenkungen der US-Notenbank beurteilen wir daher äußerst skeptisch. Zum einen, weil wir sie ökonomisch für keine sinnvolle Maßnahme halten. Zum anderen weil sie befürchten lassen, dass alles in Wirklichkeit noch viel schlimmer ist, wenn die Zentralbanker, die in der Regel über Insiderinformationen verfügen, zu solch drastischen Mitteln greifen. Die Wirkung der geldpolitischen Unterstützung ist dann auch an den Märkten schnell verpufft bzw. hat teilweise sogar gegenteilige Effekte ausgelöst.
Eine Rezession ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum mehr zu vermeiden und sie wird vermutlich tiefer und länger ausfallen, als vorangegangene. Vor diesem Hintergrund wird auch jeder Hinweis auf die moderate Bewertung des Aktienmarktes hinfällig. Zwar waren die Bewertungen, zumindest gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, Ende der 90er Jahre deutlich höher. Niedrig bewertet im historischen Vergleich sind Aktien heute aber keineswegs mehr! In den USA liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse über ihrem langfristigen Durchschnitt! In zahlreichen Schwellenländern, allen voran China gibt es bereits eindeutige Überhitzungstendenzen.
Und das alles auf Basis der aktuellen Gewinnschätzungen, die sich als viel zu optimistisch herausstellen und im Zuge einer konjunkturellen Abschwächung deutlich nach unten angepasst werden dürften. Es ist zu kurz gedacht, wenn man die Unternehmensergebnisse der letzten "fetten Jahre" einfach fortschreibt. Im Fall einer Rezession werden sich natürlich auch die Bewertungsrelationen verschieben!
Apropos Bewertung: Man darf in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass der DAX-Stand zum Jahreswechsel einem währungsbereinigten Niveau von ca. 11.000 Punkten entsprach!!
Im Gegensatz zu früheren Rezessionen werden die schlechten Unternehmensmeldungen diesmal allerdings erst am Ende der Kausalkette stehen und später den Höhepunkt der Wirtschaftskrise markieren. Sie werden eine Folge des Verbrauchervertrauensverlustes sein und nicht umgekehrt! Dies ist ein wichtiger Unterschied zur Vergangenheit und erklärt auch, warum bislang die Warnsignale noch nicht so offensichtlich sind.
Seien Sie daher äußerst kritisch, wenn Ihnen jemand quasi als "Beruhigungspille" von einem im Grunde "gesunden fundamentalen Umfeld" oder „niedrigen Aktienbewertungen“ erzählt. Das Gegenteil ist der Fall! Und die Ursachen liegen diesmal zu tief, als dass sie schnell behoben werden könnten. Stichwort Stagflation. Nachlassende Konjunkturdynamik und gleichzeitige Inflation führen zu einem Dilemma, aus dem heraus es kaum einen Ausweg gibt, zumal die hohen Inflationsraten über die Rohstoff- und Energiemärkte extern importiert werden und daher nicht beeinflusst werden können. Üblicherweise sinken die Kosten für Energie- und Industrierohstoffe, wenn sich die Wachstumsaussichten eintrüben. Das passiert diesmal jedoch nicht, weil wir es mit einer Verknappung der Ressourcen zu tun haben. Das bedeutet, der Preisdruck wird weiter anhalten und er Politik sind die Hände gebunden.
Ein weiteres Beispiel für den Ernst und die Ausweglosigkeit der aktuellen Lage ist der schwache Dollar. Sinkende Zinsen zur Stützung einer lahmenden US-Wirtschaft würden die Abwertungsspirale des Greenback zusätzlich beschleunigen und damit das Weltwährungssystem und die globale Wirtschaft endgültig aus dem Gleichgewicht bringen. Ein Teufelskreis!
Gemessen an diesen schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft hielt sich die Reaktion der Aktienmärkte allemal in Grenzen. Das bedeutet umgekehrt jedoch auch, dass wir vermutlich erst ganz am Anfang vom Ende stehen! Anleger sollten sich an die Dimension der letzten Börsenkrise nach dem Platzen der „Dot-com"-Blase erinnern. Eine richtige Baisse erstreckt sich in der Regel über mehrere Jahre. Von 2000 bis 2003 stürzte der DAX um mehr als 6.000 Punkte ein und verlor über 70 Prozent seines Wertes... !
Aus fundamentaler Sicht spricht viel für eine länger anhaltende, nachhaltige Trendwende sowohl in der Wirtschaft als auch an den Aktienmärkten. Charttechnisch ist viel Porzellan zerschlagen worden. Und das Sentiment strahlt immer noch viel zu viel Zuversicht aus. Kaum jemand rechnet ernsthaft mit einer längeren Durststrecke. Die Medien raten längst wieder zum Einstieg statt vor einem weiteren Rutsch zu warnen. Ganz ähnlich verhielt es sich zu Beginn dieses Jahrtausends als auf dem Weg nach unten alle 500 Punkte der Boden ausgerufen wurde. Typischerweise war dieser im Frühjahr 2003 jedoch erst gefunden, als niemand mehr damit rechnete und endlich die Mehrheit so pessimistisch war, dass man am Ende sogar dreistellige DAX-Notierungen erwartete.
Viele Portfolios hat es in der letzten Wochen regelrecht zerlegt. Fehlende Absicherungen, keine Stopp-Loss-Limits, hohe Risikopositionen, vor allem aber geringe Diversifikation und einseitige Konzentration auf den Aktienmarkt ("Klumpenrisiken") haben zu hohen Verlusten geführt. Unser Derivate-Musterdepot (Infos unter www.derivate-investments.de) hat dagegen dank seiner Ausgewogenheit und seiner geringen Abhängigkeit vom Aktienmarkt nicht nur keinen Schaden genommen, sondern im Quartalsvergleich mit einem Plus von über 11 Prozent sogar weiter zulegen können!
Der übergeordnete Trend an den Aktienmärkten ist derzeit klar abwärtsgerichtet. Die weltweiten Leitindizes präsentieren sich nach wie vor außerordentlich schwach. Die Nervosität unter den Anlegern ist extrem hoch. Und das zu Recht! Denn die Konjunkturdaten und -indikatoren vor allem aus den USA und Japan kommen immer schlechter rein. Die nächste Berichtssaison steht vor der Tür. Und die Meldungen aus den Unternehmen werden wenig Gutes verheißen. Wir sind davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann wir neue Tiefsstände sehen werden.
Sollte es so kommen, wird sich die Abwärtsdynamik in den kommenden Monaten eher noch beschleunigen. „Hoffen und Bangen“ und vor allem „Aussitzen" ist deshalb derzeit eine hochgefährliche Strategie! Nutzen Sie vielmehr Erholungen wie zuletzt eher, um Aktienpositionen abzubauen und das Risiko in Ihren Portfolios zu verringern. Vor allem: „Verbilligen“ Sie auf dem aktuell noch immer hohen Niveau nicht zu voreilig! Greifen Sie nicht in das „fallende Messer“! Es steht zu befürchten, dass wir bislang in vielerlei Hinsicht erst die „Spitze des Eisberges“ gesehen haben.
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