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FOKUS: Pharmakonzerne im Wettlauf um Thrombose-Blockbuster

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Dioxin – 12. Oktober 2008 – 10:00

DJ FOKUS: Pharmakonzerne im Wettlauf um Thrombose-Blockbuster

Von Richard Breum
DOW JONES NEWSWIRES

DÜSSELDORF (Dow Jones)--Die Pharmakonzerne Bayer, Boehringer Ingelheim sowie Pfizer/Bristol Myers-Squibb (BMS) liefern sich derzeit ein Wettrennen mit weit fortgeschrittenen Wirkstoffen für einen Markt mit einem großen medizinischen Bedarf: Thrombosen. Die Blutgerinnsel können Herzanfälle und Schlaganfälle auslösen. Alle drei Wirkstoffe gelten als mögliche Blockbuster, und die Studienprogramme sind die derzeit umfangreichsten Untersuchungen der Pharmaindustrie weltweit. Noch ist offen, wer am Ende das Rennen macht.

Die wirtschaftliche Bedeutung ist enorm: Der weltweite Markt für Thrombose-Mittel wird auf rund 6 Mrd EUR geschätzt. Analysten erwarten, dass er durch die neuen Medikamente auf rund 15 Mrd EUR wächst. Denn bisher werden wegen der Nebenwirkungen der derzeitigen Therapien nicht alle Patienten auch tatsächlich behandelt. "Die Wirkstoffe sind bei Bayer und Boehringer die mit Abstand wichtigsten Pharma-Projekte", sagt Analyst Ulrich Huwald von der Hamburger Privatbank M.M. Warburg.

Auch die Unternehmen selbst unterstreichen die Bedeutung dieser Wirkstoffe: "Wir sehen ein Spitzenumsatzpotenzial von jährlich über 2 Mrd EUR für unserer Medikament 'Xarelto'", sagt Frank Misselwitz, Leiter Globale Klinische Entwicklung Herz-Kreislauf/Koagulation, bei Bayer Schering Pharma. Er sieht den Bayer-Wirkstoff im Wettbewerb der Pharmaunternehmen gut positioniert: So greife der Wirkmechanismus an einer frühen Stelle der Blutgerinnung an und sei deshalb besonders wirksam.

Auch Boehringer Ingelheim sieht seine Arznei "Pradaxa" als möglichen Blockbuster und die Medizin insgesamt vor einem Durchbruch: "Die nächsten Jahre könnten eine Umwälzung bei der Vorbeugung von Schlaganfällen, Beinvenen-Thrombosen, Lungenembolien und anderen thrombosebedingten Erkrankungen bringen", glaubt Andreas Barner, stellvertretender Sprecher der Unternehmensleitung. Der dritte Wirkstoff in der fortgeschrittenen klinischen Entwicklung ist "Apixaban" der US-Konzerne Pfizer und BMS, die hier zusammenarbeiten.

Von Thrombosen sind weltweit jährlich rund 6,5 Millionen Menschen betroffen. Blutgerinnung ist zwar lebenswichtig, um Blutungen zu stoppen, wenn ein Gefäß verletzt wird. Ist der Ablauf aber gestört, kann sich in Gefäßen ein möglicherweise tödliches Gerinnsel bilden. Schätzungen zufolge sterben allein in Europa 544.000 Menschen pro Jahr an Thrombosen - mehr als durch Brustkrebs, Prostatakrebs, Aids und Verkehrsunfälle zusammen. Weltweit wird die Zahl der jährlichen Todesfälle durch die Gerinnsel auf eine Million geschätzt.

Der medizinische Bedarf an neuen Wirkstoffen und damit die wirtschaftliche Bedeutung ist sehr hoch, denn derzeitige Medikamente zur Vorbeugung und Behandlung haben schwere Nachteile. So sind die Vitamin-K-Antagonisten wie "Warfarin", ein Wirkstoff aus den 40er Jahren, schwer zu dosieren und haben Wechselwirkungen mit vielen anderen Arzneien und Lebensmitteln. Ihre Einnahme muss daher ständig durch Labortests überwacht werden.

Heparine dagegen, die den Löwenanteil des Umsatzes ausmachen, müssen gespritzt werden - das erschwert die langfristige Therapie. Das wichtigste Medikament hier ist "Lovenox" von Sanofi-Aventis. Die Unternehmen setzen darauf, dass sie mit den Neuentwicklungen die alten Medikamente verdrängen können. "Die neuartigen oralen Wirkstoffe werden sich aufgrund ihrer Vorteile gegenüber den vorhandenen Therapien rasch durchsetzen", sagt zum Beispiel Frank Misselwitz von Bayer Schering Pharma.

Die neuen Medikamente sollen künftig akut, also zum Beispiel nach Operationen, aber auch dauerhaft bei chronischen Krankheiten eingesetzt werden. Für die akute Anwendung ist die Entwicklung am weitesten fortgeschritten.

Hier liegen die Europäer derzeit vorn, denn zur Vorbeugung nach schweren orthopädischen Operationen werden "Pradaxa" von Boehringer und "Xarelto" von Bayer in Europa bereits eingesetzt. "Apixaban" von Pfizer/BMS ist dagegen noch nicht auf dem Markt. In den USA und Europa gibt es jährlich rund 1,5 Millionen Hüft- und Kniegelenksoperationen, die das Risiko von Thrombosen erhöhen.

Entscheidend sind aus wirtschaftlicher Sicht aber die chronischen Indikationen. Die wichtigste dabei ist das so genannte Vorhof-Flimmern. In Europa, Japan und den USA leiden rund 8,5 Millionen Menschen an dieser Unregelmäßigkeit des Herzschlags. Dadurch erhöht sich das Risiko für Schlaganfälle um rund das fünffache - und sie sind zudem oft schwerer als Anfälle mit anderen Ursachen.

Derzeit wird bei Vorhof-Flimmern meist das jahrzehntealte "Warfarin" eingesetzt, um das Risiko eines Schlaganfalls zu verringern. Das neue Mittel "Xarelto" von Bayer soll 2010 in diesem Anwendungsgebiet zur Zulassung eingereicht werden, für das Boehringer-Mittel werden Phase-III-Studienergebnisse im kommenden Jahr erwartet. Auch "Apixaban" ist unter anderem für diese Indikation in der letzten Phase der klinischen Entwicklung.

Ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet für die neuen Wirkstoffe ist die Vorbeugung von erneuten Komplikationen bei Menschen nach ersten Problemen wie einem Infarkt. Hier umfasst die Patientengruppe in den USA, Europa und Japan rund 3,5 Millionen Menschen, die derzeit meist vorbeugend blutverdünnende Mittel wie "Aspirin" oder "Plavix" erhalten. Bayer will am 10. November Daten einer Phase-II-Studie in dieser Indikation vorstellen.

Welches der drei Mittel schließlich am erfolgreichsten sein wird, lässt sich bislang kaum abschätzen, denn es gibt keine Studien, in denen die Mittel miteinander verglichen werden. Sie sind auch nicht in Sicht, denn der Aufwand wäre enorm - schon jetzt werden allein bei den Bayer-Studien rund 50.000 Menschen untersucht. Besonders wirksam scheint bislang "Xarelto" zu sein: Bei Studien in den USA nach schweren Operationen zeigte sich ausschließlich das Bayer-Medikament der bisherigen Standardtherapie überlegen.

Bayer hat den Zulassungsantrag in den USA daher schon eingereicht, Boehringer und Pfizer/BMS sind dort noch nicht so weit. In Europa war Boehringer dagegen rund ein halbes Jahr schneller auf dem Markt - das Rennen ist somit offen. "Möglicherweise finden alle Neuentwicklungen ihren Markt", sagt Analyst Ulrich Huwald. Sollte dagegen eines der Projekte scheitern, wäre es für das betroffene Unternehmen ein erheblicher Rückschlag.

Webseite: http://www.bayer.de
http://www.pfizer.com
http://www.boehringer-ingelheim.com
http://www.bms.com

- Von Richard Breum, Dow Jones Newswires, +49 (0) 211 - 13872 15,
Richard.Breum@dowjones.com
DJG/rib/brb

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