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Wie bullish ist der NASDAQ wirklich?

J. Steffens
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steffens – 10. Juli 2018 – 12:02
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Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

am vergangenen Freitag konnten die Bullen wieder einen Erfolg feiern. So zeigten die US-Indizes genügend Stärke um aus ihren bearishen Fortsetzungsformationen nach oben auszubrechen (siehe auch Börse-Intern vom 06.07.2018). Nun stellt sich die Frage, wie viel diese neue Stärke wert ist.

NASDAQ 100 vor neuer Rally?

Dabei stach besonders der NASDAQ 100 heraus. Wie meine regelmäßigen Leser wissen, gilt der NASDAQ 100 gewöhnlich als Vorläufer und Schrittmacher der US-Märkte. Um herauszufinden, ob sich also eine neue Rally anbahnt, werfen wir einen Blick auf den NASDAQ100-Chart:


NASDAQ100-Tageschart

Hier sieht man, dass die Kerze vom Freitag (siehe blaue Ellipse) mit einem langen weißen Körper und kaum „Schatten“ oben oder unten fast uneingeschränkt bullish ist. Zudem verließ der NASDAQ 100 durch sie seine bisherige Bodenbildungsformation, in der er seit seinem Rückfall von Mitte Juni steckte (siehe roter Bogen). Auch das alte Allzeithoch vom März mit 7.169 Punkten (rote Linie) konnte erneut überwunden werden. Zuletzt schaffte dies der Kurs Anfang Juni, rutschte dann aber mit einer großen Kurslücke (siehe graues Rechteck) wieder darunter.

Dadurch ist der Fehlausbruch im NASDAQ 100 nun ausgeglichen. Dies ist auch deshalb so wichtig, da es sich bei der jüngsten Konsolidierung innerhalb des roten Bogens charttechnisch um eine Fortsetzungsformation innerhalb der Abwärtswelle handelte, die mit dem Rückfall von Mitte Juni ihren Anfang nahm. Eigentlich hätte sich diese Abwärtswelle fortsetzen sollen. Dies könnte sich nun aber erledigt haben.

Weitere bullishe Hinweise im NASDAQ 100

Es lassen sich sogar noch weitere bullishe Hinweise finden. Denn dem NASDAQ100 gelang es im Juni mehrfach die runde 7.000-Punkte-Marke (siehe Pfeile) zu verteidigen. Bis auf das eine Mal schaffte er es immer bis zum Ende des Tages über dieser Marke zu liegen – auch wenn er im Tagesverlauf zwischenzeitlich darunter fiel. Zudem kam es zu einer Bestätigung eines neuen möglichen Aufwärtstrends (grün) durch die jüngsten beiden Tiefs innerhalb des roten Bogens. Dieser ist auch auf der Oberseite noch voll intakt und kann ohne Schwierigkeiten fortgeführt werden. Die Bullen dürften also eigentlich keine Wünsche mehr im NASDAQ100 haben.

Doch leider nur eigentlich. Denn noch ist das alles nicht in trockenen Tüchern. Es deutet sich nämlich eine bearishe Branchenrotation an.

Diese funktioniert so: Anleger bevorzugen vermehrt defensive Branchensektoren wie Versorger, Telekom oder Gesundheit und halten sich dafür von zyklischen bzw. risikoreicheren wie Technologie, Industrie und Chemie fern. Dies deutet an, dass die Anleger offenbar ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen und mit Turbulenzen an den Börsen rechnen.

So funktioniert die Branchenanalyse

Und eben genau das konnte man in den vergangenen Wochen beobachten. Dazu die folgenden drei Übersichten:


RS-Liste US-Branchensektoren

(Quelle: MarketMaker)

Abgebildet sind hier die klassischen 19 Branchensektor-Indizes der USA sortiert nach ihrer relativen Stärke (RS) gegenüber dem S&P 500. Dabei erfolgte diese Sortierung in der linken Tabelle über die vergangenen sechs Wochen per vergangenem Freitag, in der mittleren Tabelle über den gleichen Zeitraum per Anfang Juni (also vier Wochen zuvor) und in der rechten Tabelle über nur eine Woche, ebenfalls per vergangenem Freitag.

Der RS-Wert in der jeweils rechten Spalte wird ermittelt, indem man zuerst das Verhältnis des jeweiligen Indexkurses am genannten Stichtag (6.7. bzw. 8.6.) zum Kurs sechs Wochen bzw. eine Woche zuvor errechnet. Das gleiche Verhältnis wird für den S&P 500 gebildet und anschließend werden beide Verhältnisse erneut dividiert. Das Ergebnis ist die relative Stärke der Veränderung des Sektorindex zum S&P 500 über den jeweiligen Zeitraum zum Stichtag.

Sollte der Sektorindex dabei exakt genauso stark oder schwach wie der S&P 500 gewesen sein, erhält man einen RS-Wert von 1,0. Schnitt der Sektorindex besser ab, liegt er über Eins, schnitt er schlechter ab, liegt er dementsprechend darunter. Wenn man nun die Sektoren nach den RS-Werten sortiert, bekommt man eine Übersicht darüber, welche Branche am besten bzw. schlechtesten abgeschnitten hat. Dies kann man dann als Maß nutzen wie risikobereit bzw. risikoscheu die Anleger momentan sind und dient uns so als bullishe bzw. bearishe Stimmungssignale.

In diesem Fall habe ich die zyklischen Sektoren grün (= bullish) und die defensiven rot (= bearish) gekennzeichnet.

Keine Abkehr von der defensiven Haltung

Das Ergebnis der Analyse ist ungewöhnlich eindeutig: Die defensiven Sektoren machten per Ende vergangener Woche (siehe linke Tabelle) ganz klar das Rennen bei der relativen Stärke (RS): alle roten Felder befinden sich in der oberen Tabellenhälfte. Genau andersherum war es Anfang Juni, als die zyklischen Sektoren führten (siehe mittlere Tabelle).

Von Interesse ist nun wie sich die Branchenrotation aufgrund der Stärke der US-Märkte zum Wochenende verändert hat (siehe rechte Tabelle). Hier konnten sich per Ende vergangener Woche nur der Technologie- und der Bausektor ins Vorderfeld drängen und nur ein defensiver Sektor rutschte deutlich ab. Auch wenn sich das Feld etwas weiter verteilt hat, so blieb insgesamt die RS-Dominanz der defensiven Sektoren bestehen.

Damit kommen wir zum ersten Fazit: Die jüngste Stärke des NASDAQ 100 führte bislang noch nicht zu einer Abkehr der Anleger von einer klar defensiven Haltung. Dies macht insofern ja auch Sinn, da der Freitag vergangener Woche der erste richtig bullishe Tag seit langem war.

Branchenrotation im Vergleich zum S&P 500-Verlauf

Zur etwas besseren Veranschaulichung über die Bedeutung der Branchenrotation für die Börsen habe ich sie hier in einem Zeitverlauf für Sie dargestellt:


S&P500 vs. US-Sektorindizes

(Quelle: MarketMaker, eigene Berechnungen)

Hier ist oben der S&P 500 mit seinen Wochenkerzen und unten die Änderung der relativen Stärke (RS) für alle zyklischen Sektoren (grün) und alle defensiven (rot) gemäß den obigen Tabellen abgebildet. Es ist gut beim Vergleich mit dem Verlauf des S&P 500 zu erkennen, dass der Gesamtmarkt bullish ist, wenn die grüne Kurve über einen längeren Zeitraum ansteigt oder bei hohen Werten verharrt (siehe blaue Pfeile). Umgekehrt wenn die rote Kurve nachhaltig steigt und die defensiven Sektoren wieder mehr bevorzugt werden, tendiert der Gesamtmarkt zumindest zu einer Konsolidierung (siehe gelbe Pfeile).

Keine exakte Wissenschaft

Entsprechend ist der jüngste Anstieg der roten Kurve (siehe rote Ellipse) und drastische Stimmungsumschwung, der in den obigen Tabellen zu sehen ist, kritisch zu werten. Am Ende könnte dies natürlich auch nur auf die (kleine) Korrektur im Juni zurückzuführen sein (siehe roter Pfeil). Erfahrungsgemäß sorgt ein so kleiner Kursrückgang aber nicht zu einem so drastischen Favoritenwechsel bei den Sektoren.

Es könnte aber auch sein, dass die Anleger mit ihrer Bevorzugung der defensiven Branchen nur das Scheitern an der 2.800-Punkte-Marke im S&P 500 vorweggenommen haben. Und tatsächlich kam es Mitte Juni auch dazu (siehe dunkelblaue Linie und schwarzer Pfeil im oberen Chartteil). Anschließend müsste man mit einer größeren Seitwärtsbewegung rechnen, wie sie auch Sven Weisenhaus hier schon mehrfach besprochen hatte. Für den S&P 500 hätte es zu Kursverlusten von bis zu 10 % bis an die Tiefs vom April oder gar Februar (siehe grüne Zone) kommen können. Kein Wunder, dass die Anleger dann in eine defensivere Haltung gehen wollten und die entsprechenden Werte bevorzugten.

Achten Sie auf das Risikoverhalten

Wenn die starke bullishe Umkehr zum Schluss der Vorwoche aber das Ende dieses Seitwärtsszenarios eingeläutet hat, könnten sich auch die Sorgen der Investoren schnell in Luft auflösen. Und dann dürfte auch wieder die Tendenz weg von defensiven hin zu risikoreicheren Branchen gehen.

Darauf gilt es nun in den kommenden Wochen zu achten. Sollte das Risikoverhalten der Börsianer, gemessen an den Branchenfavoriten, nicht mit der Kursentwicklung mithalten, ist höchste Vorsicht geboten. Denn dann könnte sich die Stärke des NASDAQ100 am Ende nur als Strohfeuer entpuppen.

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

(Quelle: www.stockstreet.de)