Morgan – 1. Juli 2008 – 18:36
Wann: Dienstag, 01.07.2008 um 20:00 Uhr
Wo: Im Chat auf Aktienboard.com
Wer: Für alle Tradinginteressierte
Vorkenntnisse: Werden keine verlangt
Chat-Leiter: Carsten Klude
Carsten Klude ist Chef-Volkswirt der MMWarburg Bank.
Im Chat wird es um die konjunkturelle Entwicklung der europäischen und amerikanischen Märkte gehen, um realwirtschaftliche Effekte auf die Aktienmärkte und die Erwartungen für die kommenden Monate.
Chatlog:
UlrichSpindler: na also, ich denke wir sollten Starten
Gast9379: würd sagen,wir chatten bis 6500;-)().
UlrichSpindler: Bei allen Teilnehmern möchte ich mich für die kurzfristige Terminverlegung entschuldigen.
UlrichSpindler: Uns hatte leider die Technik einen Strich durch die Rechnung gemacht.
UlrichSpindler: Umso mehr freue ich mich dass es jetzt doch noch geklappt hat.
UlrichSpindler: Ich begrüsse recht herzlich Herrn Carsten Klude von MMWarburg zum Thema
CarstenKlude: Guten Abend, schön dass alle trotz der Verspätung noch Zeit gefunden haben.
UlrichSpindler: Herzlich willkommen Herr Klude
UlrichSpindler: Vor einigen Wochen hatten wir das Thema: "Aktienmärkte aus fundamentaler Sicht: Ruhe vor dem nächsten Sturm" gewählt
UlrichSpindler: mittlerweile kommt es einem so vor als wären wir schon mittendrin
UlrichSpindler: Sehen Sie uns immer noch in den Nachwehen der Finanzkrise?
CarstenKlude: Danke für die Einladung. Ja, die Wirklichkeit hat uns alle wieder auf den Boden der Tatsachen zurück gebracht.
CarstenKlude: Wie man sieht, gibt es doch immer weider neue Nachrichten von den Banken, die zeigen, dass weiterer Abschreibungsbedarf besteht.
CarstenKlude: Und selbst wenn es nach dem 2. Quartal wieder etas mehr Klarheit geben wird, fehlt doch einfach die Sicherheit und das Vertrauen der Marktteilnehmer.
CarstenKlude: Zudem wird nun immer deutlicher, dass die realwirtschaftlichen- sprich konjunkturellen- Auswirkungen der Finanzmarktkrise erst nach und nach sichtbar werden.
UlrichSpindler: Und niedrige Zinsen können das nicht auffangen?
CarstenKlude: In den USA sind die Zinssenkungen bislang relativ wirkungslos geblieben. Ein wichtiger Bereich, nämlich die Hypothekenzinsen, sind in den vergangenen Wochen sogar deutlich angestiegen. Entlastung für den Immobilienmarkt ist somit nicht in Sicht.
UlrichSpindler: Um noch kurz bei den Banken zu bleiben: Die Finanztitel haben in den letzten Monaten besonders verloren...
UlrichSpindler: sehen Sie das noch als fundamental begründet...
UlrichSpindler: oder ist das schon eine Übertreibung nach unten?
CarstenKlude: Für die Banken und das Finanzsystem haben die Zinssenkungen zwar Entlastung gebracht, doch funktionieren viele Geschäftsmodelle, wie z.B. das Verbreifungegeschäft, nicht mehr. Vor allem im Investmentbanking werden die Erträge deutlich niedriger als in den veragngenen Jahren ausfallen.
UlrichSpindler: Gewinnwarnungen hatten wir bisher nicht sonderlich viele, wenn ich mich recht erinnere?
CarstenKlude: Optisch schauen Bankaktien zwar günstig aus, ich befürchte allerdings, dass die unterstellten Gewinnschätzungen noch zu optimistisch sind, vielleicht sogar viel zu optimistisch.
CarstenKlude: Stimmt, dass liegt daran, dass die Prognosen für das laufende Quartal in den vergangenen Monaten drastisch reduziert worden sind. Der eigentliche Test sind allerdings die Gewinnschätzungen für die zweite Jahreshälfte.
CarstenKlude: Zuletzt gab es allerdings doch ein paar Gewinnwarnungen, wie von FedEx, UPS oder auch SonyEricsson.
CarstenKlude: Und Konzerne wie Oracle oder Nike haben die Analysten für das 2. Halbjahr auf eher schwerigere Zeiten eingestimmt.
UlrichSpindler: d.h. da ist noch mehr zu erwarten?
CarstenKlude: Ich denke, dass die in der nächsten Woche startende Berichtssaison schon recht noch gute Ergebnisse zeigen wird.
CarstenKlude: Allerdings gehen wir davon aus, dass viele Unternehmen für die nächsten Quartale verstärkt in Moll machen werden.
UlrichSpindler: und worauf führen Sie das zurück - allgemeiner Konjunkturzyklus?
CarstenKlude: Es ist schließlich immer angenehmer, die Anleger positiv zu überrraschen.
CarstenKlude: Teile der US-Wirtschaft sind sicherlich in oder nahe einer Rezession. Bauunternehmen, Automobilhersteller und Luftfahrtunternehmen als Beispiel.
CarstenKlude: Zudem sind die Margen in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgeweitet worden. Jetzt nimmt der Kostendruck von der Rohstoffseite allerdings nochmals dramatisch zu und vielen Unternehmen dürfte es schwer fallen, diese höheren Kosten zu überwälzen.
CarstenKlude: Daneben wird immer offensichtlicher, dass auch in Europa die besten Zeiten vorbei sind und die Wirtschaft vor einem Abschwung steht.
CarstenKlude: Mit anderen Worten: In den Industrieländern kommt das Wachstum fast zum Stillstand.
CarstenKlude: Die Schwellenländer halten zwar noch dagegen, aber 2009 ist auch dort mit weniger Wachstum zu rechnen - allerdings nicht mit einer Rezession.
UlrichSpindler: ok, dann schonmal vielen Dank für den ersten Einstieg. Ich werde den Chat dann freigeben für Fragen und freue mich auf eine rege Diskussion.
UlrichSpindler: Bitte mit den Fragen nicht zu schnell
CarstenKlude: Alle erschlagen von dem Szenario?
Volatilitaet: Donnerstag Zinseerhöhiung in Europa, der nächste Schlag für die Märkte und den Dollar?
UlrichSpindler: Die heutige Daxperformance spricht ja eine ähnliche Sprache
CarstenKlude: Die Zinserhöhung ist sicherlich schon in den Kursen berücksichtigt - wenn es bei diesem einen Schritt bleibt.
Gordon_Gecko: Hallo Herr Klude, ich sehe momentan bei Banken gute Einstiegsmöglichkeiten, ich interpretiere Ihre Statements vorsichtiger, richtig?
CarstenKlude: Sollte die EZB ihre Rhetorik nochmals verschärfen, wäre das sicherlich negativ für den Markt.
CarstenKlude: Ja, bei Banken sind wir immer noch vorsichtig.
Gordon_Gecko: Wo sehen Sie aktuelle Einstiegsmöglichkeiten?
CarstenKlude: Wer sich engagieren möchte, dem empfehlen wir eher Anleihen als Aktien, da man als Fremdkapitalgeber wohl eine höhere Rendite erzielen kann.
Gordon_Gecko: Welche Anleihen empfehlen Sie?
CarstenKlude: Insgesamt sind die meisten Aktienmärkte günstig bewertet, aber die Gewinnschätzungen sind wahrscheinlich in vielen Regionen zu hoch. Unsere Empfehlung lautet deswegen Aktien unterzugewichten.
CarstenKlude: Anleihen von großen Geschäftsbanken dürften kaum ein nenneswertes Ausfallpotenzial haben, siehe Bear Stearns.
CarstenKlude: Aber auch viele Industrieunternehmen, wie GE, Siemens oder Daimler bieten attraktive Renditen.
Swai: "Aktien untergewichten" - Wäre dies zum jetzigen Zeitpunkt nicht extrem prozyklisch? Bietet sich nicht eher ein langsamer antizyklischer Einstieg an?
kosto1929: Welche Anleihenrendite finden sie attraktiv?
CarstenKlude: Diese Empfehlung haben wir schon zu Jahresbeginn ausgesprochen und halten immer noch daran fest. Kurzfristig sehe ich angesichts des enormen Pessimismusses der Marktteilnehmer einen Gegenbewegung. Ob diese allerdings nachhlatig sein wird, bezweifle ich.
kosto1929: Rechnen sie mit fallenden Inflationsraten im nächsten Jahr?
CarstenKlude: Das Problem ist, das man die oberen und unteren Wendepunkte meist nicht exakt zu fassen bekommen wird.
Volatilitaet: daimler und siemens bieten in etwa 12 monats euribor niveau je nach laufzeit zwischen 5-6%
Volatilitaet: da is ein festgeld bei der DB mit 5,25% lukrativer
CarstenKlude: Ja, davon gehe ich aus. Allein basisbedingt sollte es schon im Verlauf des 2. Halbjahres eine leichte Entspannung bei den Inflationsraten geben.
kosto1929: ...und dne Inflationsraten in 2009?
CarstenKlude: Wenn man nicht darauf setzt, dass man bei den Unternehmensanleihen vielleicht noch mit ein paar Kursgewinnen belohnt wird.
Volatilitaet: also gehen sie davon aus das die Zinsen nicht mehr weiter ansteigen werden?
CarstenKlude: Inflation in 2009 sehen wir wieder nahe bei 2%, zumindest in Europa und den USA.
kosto1929: Welche Aussagekraft ein Geschäfsklimaindex unter 50 für die Marktrenditen der Folgejahre?
CarstenKlude: Schließlich sollte die konjunkturelle Verlangsamung auch für weniger Preisdruck sorgen.
kosto1929: Warum soll die Inflation soweit fallen? Welche Einzelfaktoren sollen dazu führen?
CarstenKlude: Einkaufsmanagerindizes unter 50 Punkte waren in der Vergangenheit ein sehr treffsicheres Signal für einen Konjunkturabschwung. Und für die EZB im Mai 2001 ein Signal, die Zinsen zu senken - trotz 3% Inflation damals.
bewi: Sehen Sie Gefahren in Bezug auf die hohe Divergenz der geringen US Zinsen zu den hohen Rohstoffpreisen?
CarstenKlude: Bislang ist der Preisanstieg immer noch ziemlich begrenzt auf Rohstoffe und Nahrungsmittel. Damit der Preisdruck sinkt, würd es ja schon genügen, wenn die preise weniger stark steigen als in der Vergangenheit.
kosto1929: Welches sind auf ihrer Sicht die besten Timingsignale für Long//Short Aktienengagements?
CarstenKlude: Die Fed hat mit ihrer Niedrigzinspolitik den US-Dollar geschwächt und damit den Trend zu steigenden Rohstoffpreisen verstetigt. Jetzt sind ihr aber die Hände gebunden - und zwar in beide Richtungen.
Swai: Denken Sie, dass der schwache Dollar den USA helfen wird, ihren Status als weltgrößter Schuldner abzubauen? Mit Bezug auf einen erstarkenden Dollar? Ich weiss, ein weites Feld.
CarstenKlude: Sorry, ich bin kein kurzfristig ausgerichteter Markettimer. Ich halten dennoch den Blick auf Put-Call-Ratios oder Umfragen wie Bullen vs. Bären für hilfreich als Kontraindikatoren.
kosto1929: Danke für die Antworten. :)
CarstenKlude: Die Defizitsituation der USA ist sicherlich kritisch. Der schwache US-Dollar hilft, das immense Leistungsbilanzdefizit abzubauen und damit auch wieder eine Grundlage für eine Aufwertung des Greenback in der Zukunft zu legen. Allerdings nimmt dafür jetzt wieder das Haushaltsdefizit deutlich zu. Die verschuldung bleibt also ein Problem.
CarstenKlude: Ich gehe davon aus, dass die Abwertung des US-Dollar gegenüber dem Euro weit genug gegangen ist. Die weitere Anpassung müsste nun über die Schwellenländerwährungen erfolgen.
Swai: Verstehe, danke. Nun, das Schuldnerproblem der USA wird die VWL vermutlich noch eine ganz Weile beschäftigen. ;)
CarstenKlude: Davon gehe ich auch aus...
bewi: sind die USA nicht gezwungen den Dollar über die Zinsen zu stärken, wer kauft denn noch amerikanische Anleihen zur Zeit ?
Swai: That's the point
Swai: (bzw. können sie nicht, da sonst die Exporte aus Sicht der Ausländer wieder teurer würden )
CarstenKlude: Da viele Schwellenländer ihre Währungen nicht zu stark aufwerten lassen möchten, werden immer noch genug Treasuries gekauft. Früher war es vor allem japan, jetzt sind es die Chinesen. Der Vorteil einer "weichen" Währung ist hier größer als der Nachteil einer niedrigverzinsten Anleihe.
CarstenKlude: Staatsfonds haben eben nicht unbedingt kurzfristige Anlegerinterssen.
UlrichSpindler: Ok, sind denn ansonsten noch Fragen unbeantwortet?
bewi: wenn man sich die Entwicklung reminbi -US$ ansieht waren fuer die Chinesen die us Anleihen eher ein Verlustgeschaeft, oder ?
Mr__Cole: wie sehen sie das US-Wachstum in Q4 und 2009?
CarstenKlude: In den vergangenen beiden Jahren sicherlich ja, da die chinesische Währung gegenüber dem US-Dollar aufgewertet hat. Nimmt man die vergangenen 10 Jahre war es allerdings ein glänzendes Geschäft, weil man dank eine rmassiv unterbewerteten Währung immense Handelsvorteile nutzen konnte. Und die Dollar-Verzinsung gab es obendrauf.
CarstenKlude: Für das US-Wachstum sind wir nicht sehr optimistisch. In Q4 gibt es keine psoitiven Effekte durch die Steuerschecks mehr, so dass wir einen erneuten Wachstumsrückgang erwarten. Dieses Szenario sollte sich 2009 fortsetzen. Nicht unbedingt eine Rezession aber doch so gut wie kein Wachstum. Das Double-Dip läßt grüßen.
CarstenKlude: Alles in allem ein BIP-Wachstum in einer Größenordnung von 1-1,5%. Wie auch in Europa.
Mr__Cole: double-dip oder L-Rezession?
UlrichSpindler: Ok, mit leichter Verspätung gestartet und leicht überzogen. Ich fand das Thema sehr interessant.
Frank_Mueller: Ich auch, vielen Dank!
UlrichSpindler: Vielen Dank Herr Klude, dass Sie sich die Zeit genommen haben!
CarstenKlude: Sehr gerne. Vielen Dank für die interessante Diskussion. Ich hoffe, alle Fragen beantwortet zu haben.
UlrichSpindler: Vielen Dank natürlich auch an alle Anwesenden für die aktive Teilnahme!
CarstenKlude: Ich wünsche allen einen schönen Sommer und viel Glück an und mit den Märkten.