Gerade jetzt wird europaweit die technische Infrastruktur für die totale Überwachung der Internet Kommunikation aufgebaut:
Deep Packet Inspection: Die Nase tief im Netz
Deep Packet Inspection (DPI) ist zum Reizbegriff für Datenschützer und Netzaktivisten geworden. Diese Netzwerküberwachungstechnik lässt tief in den Datenstrom blicken. Sie kann für das Netzwerkmanagement nützlich sein, aber auch Zensur und gezielte Benachteiligung von Diensten im Netz ermöglichen. Das bedeute eine Gefahr für die Netzneutralität, erklärt Politologe Ralf Bendrath im Gespräch mit ORF.at.
Am Montag hat die British Telecom (BT) bekanntgegeben, dass sie auf den Einsatz des Werbesystems Phorm bis auf weiteres verzichten möchte. Phorm ist ins Fadenkreuz von Datenschützern geraten, weil die Firma auf die Untersuchung des Internet-Datenstroms mittels Deep Packet Inspection setzt. Mittels DPI sollte der Datenverkehr der Provider-Kunden auf deren Vorlieben und Interessen hin untersucht und ihnen entsprechend gezielte Werbung vorgesetzt werden.
DPI lässt sich am einfachsten mit der Post vergleichen. "Diese hat normalerweise den Auftrag, die Adresse auf Kuverts zu prüfen und den
Brief oder das Paket von A nach B zu bringen".
DPI die Technologie, mit der der Postbeamte den
Brief öffne, den Inhalt lese und danach filtere. "Ist es ein Geschäftsbrief, dann wird der
Brief schneller verschickt, weil die Firma etwa einen Extravertrag mit der Post hat. Ist es eine unerwünschte Werbung, dann wird es als Spam herausgefiltert. Oder man findet eine Bombendrohung darin, dann wird gleich eine Kopie an das Bundeskriminalamt verschickt."
"Dass man in die Datenpakete in Echtzeit hineinsieht und anhand der Inhalte Entscheidungen trifft, das gibt es erst seit zwei bis drei Jahren."
So lasse sich etwa nicht der gesamte Text einer E-Mail oder der Inhalt eines zwei MB großen Word-Files analysieren, "da bräuchte man auch viel mehr Regeln dafür". Was sich hingegen feststellen lasse: ob ein Datenpaket einer E-Mail, einer Website oder einer BitTorrent-Übertragung angehöre - und wer der Absender oder Empfänger ist.
"Es gibt noch nicht wirklich gute Daten darüber, wie weit DPI bereits bei ISPs in Europa eingesetzt wird", so Bendrath. "In Deutschland weiß ich, dass DPI von Kabel Deutschland angewandt wird, zumindest streiten sie es offiziell nicht ab."
Als Sicherheitsservice für Firmennetzwerke - bei Firewalls etwa - sei DPI "Stand der Technik und ganz sinnvoll", so Bendrath. Problematischer seien die vielen anderen Einsatzmöglichkeiten, etwa beim Bandbreitenmanagement, um bestimmte Anwendungen zu diskriminieren.
DPI könne auch verwendet werden, um gewisse Dienste komplett zu sperren, wie es T-Mobile in Deutschland etwa mit Skype mache, "um sein Telefongeschäft nicht zu kannibalisieren."
Eine weitere Nutzungsmöglichkeit sei die Kontrolle des Surfverhaltens der User für verhaltensbasierte Werbung, wie es eben auch Phorm in Großbritannien betrieben habe.
"Die Musikindustrie hat in Belgien vor zwei Jahren den Internet-Anbieter Scarlet geklagt, eine Tochter des italienischen ISP Tiscali. Das Gericht entschied in erster Instanz, dass diese einen MP3-Filter einbauen müssen." Der sei angeblich in der Lage, urheberrechtlich geschützte MP3s zu erkennen.
Mit DPI ließen sich auch Websites sperren. "Auf Basis von DPI-Auswertungen lassen sich einzelne Websites blockieren, egal über welchen DNS-Server sie aufgerufen werden."
Theoretisch könne der gesamte Internet-Verkehr eines Landes analysiert und sämtliche YouTube-Videos mitgezeichnet oder blockiert werden.
Der Einsatz von DPI sei in Europa noch nicht reguliert.
"Im Sinne von Netzneutralität und von heiklen und politisch gefährlichen Begehrlichkeiten", die entstehen könnten, wäre es besser, die Technologie gar nicht zu verwenden, so der Politologe. Politische Zensur solle es in keiner Form geben. Die Alternative zum Problem Bandbreitenmanagement sei natürlich der bessere Ausbau der Infrastruktur.