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AW: die Türkei in die EU???
Monteur Sabri
Niemand hat Istanbul so wunderbar beschrieben wie der türkische Dichter Orhan Veli Kanik. Er wurde im Jahr 1914 in Istanbul geboren und starb dort schon sechsunddreißig Jahre später an den Folgen eines nächtlichen Sturzes in eine Baugrube. Sein Gedicht "Istanbulu dinliyorum" - "Ich höre Istanbul" - ist so oft zitiert, vertont und aufgesagt worden, dass die Istanbuler die Augen verdrehen, sobald man es erwähnt. Als echter Klassiker gilt aber
"Monteur Sabri":
Mit dem Monteur Sabri
Reden wir immer nachts
Und immer auf der Straße
Und immer betrunken.
Er sagt jedesmal:
"Ich komme zu spät nach Haus."
Und jedesmal
Hat er zwei Kilo Brot unterm Arm.
Hindernisse
Istanbuler können sehr ungeduldig sein. Ungeduldig werden sie nicht, weil sie keine Zeit haben, sondern wenn sie nicht den Sinn hinter einer Verzögerung sehen. Denn der Alltag raubt ihnen die Gegenwart. Wenn ein Bosporusdampfer ablegt, dann gibt es immer einen Passagier, der an Land springt, bevor das Schiff ordentlich vertäut worden ist. Fährt ein Stadtbus an, dann klemmt garantiert jemand in der sich schließenden Tür. Straßen gelten bei Fußgängern ohnehin als ein nicht zu akzeptierendes Hindernis. In der Mitte der Stadtautobahn wurde deshalb ein Gitterzaun errichtet. Schon ein paar Tage später war er an mehreren Stellen zerschnitten, das Gras drumherum plattgetrampelt, als würde dort jeden Tag eine Ziegenherde durchgeführt.
Auch eine Fußgängerampel, an der man warten muss, sorgt per se für Ungeduld. Schließlich könnte man ja auch durch die Autos hindurch über die Straße rennen. Als vor etwa fünfzehn Jahren am Taksim-Platz Fußgängerampeln eingeführt wurden, musste jeder ein Bußgeld zahlen, der sich beim Hinüberrennen bei Rot erwischen ließ. Seitdem es dort Ampeln mit Sekundenanzeige gibt, funktioniert die Sache aber ganz gut. Als seien sie Astronauten kurz vor dem Raketenabschuss, starren alle gebannt auf die roten Ziffern, die von sechzig nach unten zählen. Schlagen sie bei null auf Grün um, leert sich in Sekundenschnelle der Bürgersteig. Noch besser aber ist jene Ampel, die zu den Wartenden spricht: „Lütfen bekleyiz, lütfen bekleyiz“ - „bitte warten Sie, bitte warten Sie“ sagt sie mit strenger Simme.
Für vieles nimmt man sich in Istanbul auch Zeit.
Dem Friseur etwa wird eine kleine Ewigkeit zugestanden. Hingebungsvoll darf er das Gesicht einschäumen, rasieren. Schließlich flammt er versonnenen Blickes mit einem Feuerzeug die Nasen- und Ohrenhaare ab. Auch ein Glas Tee kommt niemals ungelegen. Und wenn die Istanbuler ihre Strom- und Gasrechnungen bezahlen, dann sind sie geradezu ein Musterbeispiel an Geduld. Stundenlang stehen sie auf den Fluren zugiger Amtsgebäude Schlange, die früher einmal herrschaftliche Palais gewesen sind. Der Einzige, der in diesen Häusern lächelt, ist Atatürk. Dutzendfach von Bildern an den Wänden. Die Beamten in diesen Palästen sind dagegen immer mürrisch, dass man meinen könnte, man sei geradewegs in ihr Wohnzimmer geplatzt.
Neuerdings kann man auf einigen Ämtern Nummern ziehen, wie man es aus Westeuropa kennt. So richtig funktioniert das aber auch nicht: Nummer vier ist auf der Toilette, Nummer fünf hat etwas vergessen und ist schnell noch mal nach Hause gerannt, versucht die Nummer zwölf den Tausch zu erklären, die statt der Nummer vier am Bedienungstresen steht.
Schafe im Bosporus
Jetzt, im Winter, verfärbt sich das blau-schwarze Wasser des Bosporus an manchen Tagen in ein geheimnisvolles Türkis, das man auf den Fayencen der Blauen Moschee wiederfinden kann. Wenn es Frühling wird, dann brennt der Bosporus jeden Abend in der untergehenden Sonne. Seinen Namen hat er aus der griechischen Mythologie: Das Wort bedeutet auf Griechisch Ochsenfurt.
Dabei ging es eigentlich um eine Kuh: Zeus hatte sich mit Io, Tochter des Flussgottes Inachos, eingelassen. Damit seine eifersüchtige Gattin es nicht erfuhr, verwandelte er die Geliebte in eine Kuh. Als Hera ihm doch noch auf die Schliche kommt, setzt sie eine Bremse auf Io an, die sich in ihrer Panik ins Wasser stürzt und die Meerenge durchschwimmt - schon war der Name Bosporus gefunden. Bei Jules Verne gestaltete sich die Sache mit der Überquerung noch komplizierter: Er ließ den Istanbuler Starrkopf Keraban das Schwarze Meer umrunden, weil er die Steuer für das Übersetzen nicht bezahlen wollte. Auf der aberwitzigen Tour muss er sich aus den Fängen von Piratenkapitänen, Banditen und Karawanenführern befreien, und sein holländischer Gast wird zwangsverheiratet, bevor sie endlich die asiatische Seite der Stadt erreichen.
Heute gibt es glücklicherweise Bosporusdampfer, die sich jeder leisten kann. Sie verkehren wie Linienbusse. Eine der Routen bringt die Passagiere sogar vom Goldenen Horn bis an die Mündung des Schwarzen Meeres, nach Anadolu Kavagi. Danach bildet man sich ein, ganz Istanbul gesehen zu haben. Die Hügel der Stadt hat man dabei ständig im Blick. Eigentlich ist es verboten, sie mit hohen Häusern zu verunstalten. Aber mit Geld geht in der Türkei vieles, und so kratzt hier und dort ein hässliches Hochhaus den Himmel. Was man sonst noch alles vom Schiff aus sehen kann: prächtige Holzvillen mit halb zerfallenen Bootshäusern und umgekehrt, gepflasterte Wege, die alle zum Bosporus führen. Minarette, Gärten, Mauern. Verliebte, die Hand in Hand am Wasser entlangspazieren. Die Festung Rümeli Hisare mit ihren riesigen Kanonenrohren, errichtet von Sultan Mehmed II., als Vorbereitung auf die Belagerung und Eroberung Konstantinopels. Fischerboote, die wie abgestürzte Schmetterlinge auf den Wellen schaukeln. Familien, die im Teehaus sitzen. An der Uferstraße stauen sich die Autos, den Insassen bleibt nichts anderes übrig, als den vorbeiziehenden Schiffen hinterherzustarren. Die wunderschöne Moschee von Ortaköy, deren filigrane Minarette aussehen, als strecke da ein seltenes Insekt seine Fühler in den Himmel. Dubios wirkende Containerschiffe. Andere Containerschiffe, auf denen in riesigen Lettern "Hamburg Süd" oder "Lola" geschrieben steht.
Fünfzigtausend Frachter passieren jährlich den Bosporus. Immer wieder kommt es zu Unfällen, weil die Kapitäne die Strömung unterschätzen oder betrunken sind. Einmal, vor vielen Jahren, hat ein libysches Frachtschiff eine der Bosporuswindungen zu eng genommen und krachte in die Uferpromenade. An Bord hatte es Tausende von Schafen. Mehrere Stunden lang fischten herbeigeeilte Kutter die unglücklich blökenden Tiere aus dem Wasser. Die aufgeblähten Kadaver gab das Meer erst in den folgenden Tagen frei. Sie ploppten wie Korken an die Oberfläche. Die Schulbusse mussten ihre Route ändern, weil die Kinder beim Anblick der tot dahintreibenden Tiere sofort bitterlich weinten. Im Moment kann der Bosporus nur einseitig befahren werden, da man gerade einen Eisenbahntunnel von der europäischen zur asiatischen Seite baut. In den Mündungen vom Schwarzen Meer und dem Marmarameer stauen sich deshalb die Schiffe. Wie riesige Festtagswagen liegen sie da und warten darauf, dass sie endlich an der Reihe sind. Die Durchfahrt ist eine Parade, die Häuser und Hügel links und rechts des Bosporus stehen grüßend Spalier.
Sei keine Petersilie
Keiner weiß, wie der Mann es mit seinem Pferdewagen über die mehrspurigen Straßen ins Zentrum geschafft hat. Jetzt steht er zwischen den Häusern und verkauft Orangen. Eine Dame ist nicht einverstanden mit dem Preis:
„Vorgestern haben sie nur die Hälfte gekostet“, sagt sie. Der Orangenmann lässt nicht mit sich diskutieren. Von einem Balkon aus schaltet sich eine Frau in das Gespräch ein: „Du ruinierst uns noch mit deinen Preisen!“. Der Mann guckt nach oben: „Öff abla, maydanoz olma!“ - „;Mensch, Schwester, sei keine Petersilie!“, was so viel bedeutet wie: „Misch dich nicht ein!“
In Istanbul hört man ganz wunderbare Redewendungen, die viel über die Bewohner verraten. Bei jungen Istanbulern fällt nicht der Groschen, sondern das „Opium ist geplatzt“ - „;Afyon patladi“. Die Redensart mit der Petersilie geht auf eine Besonderheit der türkischen Küche zurück: Fast jedem Gericht wird sie beigemischt. Dass die Gedanken oft ums Essen kreisen, lässt sich auch an dem Ausspruch „Senden bir cacik olmaz“ - „Aus dir wird nie etwas werden“ ablesen, wörtlich übersetzt bedeutet er: „Du kanst kein Cacik machen“. Cacik ist eine würzige Joghurtcreme, die man als Vorspeise reicht. Will man sich bei der Köchin für ein gelungenes Mahl bedanken, dann sagt man: „Ellerine saglik“ - „Gesundheit deinen Händen“.
Am allerwichtigsten aber ist das Lächeln. Denn ohne Freundlichkeit und eine Prise Optimismus bringt einen die Stadt um den Verstand: „Güle, güle git, güle, güle gel“ - „Gehe lächelnd und komme lächelnd wieder“, sagt der Verkäufer, wenn ein Kunde den Laden verlässt, „güle, güle kullan“ - „trag es mit einem Lächeln“, wenn er sich etwas zum Anziehen gekauft hat. Mit „güle, güle otur“ - „;wohne lächelnd“ wird man zu einer neuen Wohnung beglückwünscht. Und mit einem „Güle, güle“ - „Lächle“ verabschiedet man sich von jenen, die das Haus verlassen und hinaus auf die Straße gehen.
Je lauter, desto besser
In Istanbul versucht jeder jeden zu übertönen. Wenn man nicht auf sich aufmerksam macht, geht man unter: „Hurdaci, hurdaci“ gellt der Schrei des Altwarenhändler, der seinen Handkarren die steile Gasse hinaufschiebt: Wer etwas Kaputtes hat, öffnet die Tür und legt es auf seinen Wagen. „Gel, gel, gel!“ - „Komm, komm, komm!“ rufen mindestens drei Leute, wenn ein Auto zurücksetzt. Der Sesamkringelverkäufer an der Straßenecke, der Sockenverkäufer, die Kinder, die versuchen, einem Taschentücher anzudrehen. Sie alle rufen, brüllen, um sich Gehör zu verschaffen. Die Sirenen der Polizei, die losheulen, um müde Verkehrsteilnehmer aufzuwecken. Das Schrillen der Tünelbahn, bevor sie ihre Türen schließt. Das Nebelhorn, das mit dem klagenden Laut einer verletzten Meerjungfrau die Schiffe warnt. Ihr durchdringendes Tuten, wenn sie sich bei gutem Wetter der Anlegestelle nähern. Das Aygaz-Auto, aus dessen Lautsprechern eine Frauenstimme in hohem Akkord Ay-gaz ruft - so kokett, als habe ihr Verehrer sie gerade in den Po gekniffen. Seit Jahrzehnten kündigt sich die Gasfirma mit der gleichen Melodie an. Der Ruf des Muezzins in der Morgendämmerung: wehklagend, geheimnisvoll. Aus allen Himmelsrichtungen fallen andere ein, der Gesang dringt in die Gassen, durch jedes Fenster, legt sich wie ein Teppich über die Stadt. Verliebte Katzen, die im Frühling ganzen Nachbarschaften den Schlaf rauben. Die Schreie der Möwen, das Schimpfen der Stare. Im Herbst ziehen sie in riesigen Schwärmen über die Stadt. „Buyrun, buyrun!“ rufen die Kellner und machen dabei einladende Gesten zu einem freien Tisch.
Bücher für saubere Ohren
Mine summt. Dann singt sie. Die Badefrau hat eine zauberhafte Stimme. Die Töne flattern die mächtige Kuppel empor, aus der Glasaugen blind vom Wasserdunst zum Himmel starren, fallen zurück und schmiegen sich in jeden Winkel des Hamams. Es ist ein melancholisches Lied, mit dem Mine die Badenden betört. Eine alte türkische Weise. Im Dunst des Wassers zeichnen sich die weichen Silhouetten nackter Frauenkörper ab. Ihre gedämpften Stimmen werden zu einem Flüstern. Die kupfernen Hamamschalen, die beim Wasserschöpfen mit leisem Klirren gegen die Becken schlagen, schweigen für diesen Augenblick. Und während Mine singt und einem mit einem Schwamm aus Ziegenhaar den Rücken abreibt, dann Arme, Bauch und Beine, glaubt man aus dem warmen achteckigen Stein, auf dem Mine die Badende gebetet hat und der seit Jahrhunderten nur Frauenkörper kennt, das Wispern vergangener Zeiten zu hören: Onu evlenmek istiyor musun? - Willst du ihn heiraten? Er ist ein guter Mann. Hast du gesehen, was für ein Kleid sie sich hat schneidern lassen? Er stört dich? Dann sprich doch mal mit dem Apotheker. Ehen werden im Hamam arrangiert. Geheimnisse ausgeplaudert, Liebesschwüre erneuert, Intrigen gesponnen. Sultan Mehmet I., der das Calaloglu Hamam im Jahr 1741 baute, ermöglichte das alles eine ganze Bibliothek: Mit den Einnahmen des Badehauses finanzierte der Herrscher seine Büchersammlung in der Hagia Sofia. Für Männer reservierte er einen separaten Baderaum in seinem Wasserreich, wer das Frauenbad betrat, dem drohte der Tod. Ersteres ist bis heute so geblieben.
Mine hat der Badenden den Staub der Straße aus jeder Pore geschrubbt. Am Ende gießt sie ihr warmes Wasser, dann blumig duftenden Schaum über die Haare. Flicht sie ihr einen Zopf. Rückt die Haarspange zurecht. Sagt: Fertig, so ist es schön, jetzt kannst du gehen.
FAZ
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