Der Neusser Suchmaschinenbetreiber Abacho AG wird gut drei Jahre nach dem Börsengang von den Kurszetteln des Neuen Marktes gestrichen. Zum 1. April wechselt die
Aktie in den Geregelten Markt. Damit verschwindet mit der früheren Endemann!! AG eine Firma aus dem
Börsensegment für Wachstumsunternehmen, die wie kaum eine zweite für das Aufblasen und Platzen der Internet-Blase am Neuen Markt steht.
"Die Nachricht vom Ausscheiden der ehemaligen Endemann!! AG hat die
Börse nicht interessiert", sagte ein Wertpapierhändler in Frankfurt. Der Aktienpreis schrumpfte im Xetra-Handel am Donnerstag nach einem Umsatz von 5.795 Euro um weitere 7,14 Prozent. Auf dem Kurszettel notierte ein Wert von 0,39 Euro. Die
Börse bewertet das Unternehmen mit 4,68 Millionen Euro, obwohl das Management die liquiden Mittel Ende September mit knapp 14,6 Millionen Euro angegeben hatte.
ZEICHNUNGSGEWINN 360 PROZENT
Dabei hatte alles so gut angefangen: Beim Börsengang im März 1999 hatte der Vorstandsvorsitzende Ingo Endemann seine Aktionäre mit einem Zeichnungsgewinn von 360 Prozent beglückt. Die Internet-Aktien wurden zu umgerechnet 23 Euro ausgegeben und kletterten am ersten Börsentag auf 106 Euro. Bei 12 Millionen Aktien erreichte die damals noch profitable Werbeagentur mit 30 Mitarbeitern am ersten Börsentag einen Wert von gut 1,2 Milliarden Euro.
Der Werbeprofi Endemann entfachte wie kaum ein anderer das Interesse der Anleger. Bereits im Juli 1999 stieg das Unternehmen in den Auswahlindex NEMAX 50 auf. Kurz nach dem Börsengang präsentierte Endemann Joint Ventures, strategische Kooperationen und Beteiligungen, so zum Beispiel die mittlerweile unter Profis als veraltet geltende Suchmaschine Eule.de. "Zur Freude des Betreibers", teilte Endemann den Anlegern mit, habe Eule die langersehnte Spitzenstellung im deutschsprachigen Internet übernommen.
AUF VIELEN KLAVIEREN GESPIELT
Überall wo sich Geschäfte im Internet zu entwickeln schienen, wollte Endemann!! mitmischen: Werbevermarktung, Telefonie im Internet, Online-Spiele und Partnervermittlung waren die Spielfelder des kleinen Unternehmens aus Neuss.
Bereits im September 1999 beteiligte sich die Endemann!! Internet AG am Partnersuchdienst MatchNet und später an der Swing AG , die später beide ebenfalls am Neuen Markt platziert wurden.
GEWINNSTEIGERUNGEN VERSPROCHEN
"Die Geschäfte laufen bei uns mehr als gut", teilte Endemann der Finanzgemeinde mit und erhöhte die Erwartungen: 1999 sollte der Gewinn bald 3 Millionen DM betragen und dann im Folgejahr auf 10 Millionen DM anschwellen.
Am 4. Januar 2001 - der Wert der
Aktie war mittlerweile durch das schrittweise Schrumpfen der Internetblase auf 4 Euro gerutscht - teilte Ingo Endemann mit, eine der zahlreichen Beteiligungen könne nicht mehr im Jahr 2000 verbucht werden: Statt eines Gewinns von 10 Millionen DM klaffte plötzlich ein Loch von 6,4 Millionen DM in der Bilanz.
"GEWINNWARNUNG GUT GETARNT"
Die "Netzeitung" schrieb damals: "Die Gewinnwarnung der Endemann AG war gut getarnt. Erst beim zweiten Lesen der Ad-hoc Mitteilung sei die Gewinnwarnung aufgefallen, sagten Händler." Als die Anleger genau gelesen hatten, stürzte der Aktienkurs an diesem Tag um zeitweise 25 Prozent.
Doch Endemann!! setzte weiter auf eine goldene Zukunft und versprach baldige Gewinne. Das "manager-magazin" argwöhnte allerdings schon kurz nach dem Börsengang, die Erträge kämen eher aus Börsengeschäften als aus Banner- und Interneteinnahmen: "Gerade mal 35.000 Euro Gewinn
steuern die Internet-Aktivitäten bei", schrieben die Hamburger im August 2000. "Beim Börsengang hatte Endemann noch vollmundig versprochen, der Gewinn aus dem Kerngeschäft betrage 1,3 Millionen Euro."
AKTIE WURDE "PENNY STOCK"
Nach der Gewinnwarnung für das Jahr 2000 ging alles ganz schnell: Auch im folgenden Quartal schrieb das aktuell unter dem Namen Abacho antretende Unternehmen Verluste. Der Aktienkurs fiel unter 1 Euro und es griffen die "Penny Stock"-Regeln der Deutschen
Börse, die niedrig kapitalisierte Unternehmen vom Neuen Markt ausschließen will.
Endemann wehrte sich zunächst mit einer einstweiligen Verfügung gegen den geplanten Rauswurf. Doch schließlich änderte die Firma ihre Meinung: Mit dem Wechsel "auf eigenen Wunsch" in den Geregelten Markt könne das Unternehmen Kosten von 250.000 Euro sparen, erklärt der Vorstand jetzt - und verweist auf "viele weitere namhafte, dort gelistete Unternehmen"./ts/hi/
--- Von Thomas Siedler, dpa-AFX ---
SB