Intruder
07.12.2000, 08:12
Hallo,
Thu, 07 Dec 2000, 8:04am MEZ
Russland: Unternehmenszahlen wenig glaubwürdig
Moskau, 4. Dezember (Bloomberg) - Vor sechs Monaten war die Welt für die Aktionäre von RAO
Unified Energy Systems noch in Ordnung. Der russische Stromkonzern hatte den Aktionären
mitgeteilt, dass der Gewinn für 1999 doppelt so hoch ausgefallen sei wie im Jahr davor. Anfang
November kam das böse Erwachen: UES veröffentlichte neue Unternehmenszahlen, die einen
Verlust von 355 Millionen Dollar auswiesen. Der Unterschied: Während die erste Berechnung
nach russischen Standards erfolgte, wurden die späteren Zahlen nach internationalen
Bilanzierungsrichtlinien berechnet. Nur wenige russische Unternehmen haben bisher auf
internationale Standards umgestellt.
Und die ausländischen Investoren trauen dem russischen Rechnungswesen genauso wenig wie
der russischen Art der Unternehmensführung generell. Die Zurückhaltung der Investoren ist
einer der Gründe, warum der russische Benchmark-Index RTS in diesem Jahr um 20 Prozent
abgesackt ist, obwohl die Wirtschaft ein Rekordwachstum von über sieben Prozent pro Jahr
vorweisen kann.
Die russische Methode stammt noch aus der Sowjetära, als die Zahlen die Planerfüllung und
nicht den erzielten Gewinn wiedergeben sollten. Abschreibungsraten werden hierbei anders
angesetzt als nach internationalen Standards und treiben so den Gewinn künstlich in die Höhe.
Die UES-Investoren ließen sich durch die früheren Zahlen nicht davon überzeugen, dass die
Geschäfte des Stromriesen besser liefen. ,Ich würde den meisten russischen Unternehmen nicht
über den Weg trauen, was das Rechnungswesen angeht", erklärt Harry Gallob, Fondsmanager
bei Erste Sparinvest in Wien.
Die meisten russischen Gesellschaften veröffentlichen ihre Gewinne immer noch ausschließlich
nach der russischen Rechnungslegung, und zwar dann, wenn sie es für richtig halten. Einige
Unternehmen veröffentlichen ihren Jahresabschluss im Februar, andere erst im August des
folgenden Jahres. Auch vom Staat vorgegebene Termine werden oft nicht eingehalten. Häufig
sorgt auch die Wertpapieraufsicht für weitere Verzögerungen bei der Veröffentlichung.
Eigentlich müssen Unternehmen ab 2001 ihre Zahlen nach westlichen Standards veröffentlichen.
Dieser Termin kann jedoch wahrscheinlich nicht eingehalten werden. Er dürfte auf 2003
verschoben und möglicherweise erst noch später umgesetzt werden, berichtet der Broker
Troika Dialog.
Bis August dieses Jahres haben nach Informationen von Troika Dialog lediglich 19 von 46
russischen Unternehmen, die an ausländischen Börsen notiert werden, ihre Zahlen nach
internationalen oder US-Standards veröffentlicht. Nur eine Handvoll russischer Unternehmen
schafft es, diese Zahlen fristgerecht zu veröffentlichen. Zwei dieser Unternehmen sind Mobile
Telesystems und AO Vimpelcom, die beiden größten russischen Mobiltelefongesellschaften, die
auch an der New Yorker Börse gehandelt werden. Mobile Telesystems hat im dritten Quartal
nach westlichen Bilanzierungsmethoden 28,6 Millionen Dollar Gewinn erzielt. Seitdem sie an der
New Yorker Börse gehandelt wird, ist die Aktie des Unternehmens lediglich um 1,1 Prozent
gefallen, während der RTS-Index 18 Prozent verloren hat.
Inzwischen strafen die Investoren aber auch russische Unternehmen ab, wenn sie die Zahlen
nicht nach internationalen Standards veröffentlichen. Als der größte russische Ölproduzent OAO
Lukoil Holding im letzten Monat bekanntgab, dass er die Bilanzierung nach internationalen
Standards wieder verschoben habe, sackte die Lukoil-Aktie um 14,5 Prozent ab. Letzte Woche
setzte Lukoil den Januar als neuen Termin für die Veröffentlichung seiner Zahlen für 1998, 1999
und das erste Halbjahr 2000 nach internationalen Standards an. Analysten befürchten allerdings,
dass das Unternehmen sein selbstgestecktes Ziel verfehlt. ,Nachdem sie sich so oft
widersprochen haben, glaubt ihnen doch keiner mehr", sagt Branchenanalyst Dmitri Awdejew
von dem Broker United Financial Group.
Gerade Ölgesellschaften, die mit die höchsten Gewinne aller russischen Unternehmen erzielen,
haben am Aktienmarkt geradezu erbärmlich abgeschnitten. OAO Surgutneftegaz konnte im
August einen nach russischer Berechnung auf das Dreifache gestiegenen Gewinn vermelden.
Trotzdem hat die Aktie des Unternehmens seitdem die Hälfte ihres Wertes verloren. Der RTS ist
dagegen ,nur" um 40 Prozent abgesackt. ,Wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis als Maßstab
nimmt, werden die meisten russischen Unternehmen sehr preiswert gehandelt", erklärt Tim
McCarthy, Fondsmanager bei Troika Dialog Asset Management. ,Russische Ölgesellschaften
konnten ihren Gewinn um mehr als 100 Prozent steigern. Im Aktienkurs spiegelt sich dies jedoch
nicht wider."
Investoren, die es gewohnt sind, Aktien nach dem Cash Flow zu bewerten, kommen damit in
Russland nicht weiter. ,Das Problem ist, dass man nicht weiß, wie viel davon im Unternehmen
verbleibt", erläutert Gallob. ,Es ist schließlich kein Geheimnis, dass in russischen Unternehmen
schon Millionen Dollar auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind." Ohne verlässliche
Rechnungslegung fehlen den Investoren harte Zahlen und Fakten, auf die sie ihre
Entscheidungen gründen können. ,Es gibt so wenig Informationen über Unternehmen, dass ich
jedes erhältliche Fitzelchen benutzen muss, um zu entscheiden, ob ein Unternehmen gut oder
schlecht wirtschaftet", beschreibt Bill Browder, Fondsmanager bei Hermitage Capital
Management in Moskau. ,Die Informationspolitik ist nur einer der Aspekte der
Unternehmensführung, der verbessert werden muss. Wenn ein Unternehmen Geld abzweigt und
dann den Gewinn korrekt ausweist,... ändert das an der Unternehmensführung wenig."
Illustration: RTSI$ GP stellt die Performance des russischen RTS-Indexes grafisch dar.
so long
Ohren steif halten und drei mal Gas geben
------------------
Asien (http://www.asienfreak.de)
Thu, 07 Dec 2000, 8:04am MEZ
Russland: Unternehmenszahlen wenig glaubwürdig
Moskau, 4. Dezember (Bloomberg) - Vor sechs Monaten war die Welt für die Aktionäre von RAO
Unified Energy Systems noch in Ordnung. Der russische Stromkonzern hatte den Aktionären
mitgeteilt, dass der Gewinn für 1999 doppelt so hoch ausgefallen sei wie im Jahr davor. Anfang
November kam das böse Erwachen: UES veröffentlichte neue Unternehmenszahlen, die einen
Verlust von 355 Millionen Dollar auswiesen. Der Unterschied: Während die erste Berechnung
nach russischen Standards erfolgte, wurden die späteren Zahlen nach internationalen
Bilanzierungsrichtlinien berechnet. Nur wenige russische Unternehmen haben bisher auf
internationale Standards umgestellt.
Und die ausländischen Investoren trauen dem russischen Rechnungswesen genauso wenig wie
der russischen Art der Unternehmensführung generell. Die Zurückhaltung der Investoren ist
einer der Gründe, warum der russische Benchmark-Index RTS in diesem Jahr um 20 Prozent
abgesackt ist, obwohl die Wirtschaft ein Rekordwachstum von über sieben Prozent pro Jahr
vorweisen kann.
Die russische Methode stammt noch aus der Sowjetära, als die Zahlen die Planerfüllung und
nicht den erzielten Gewinn wiedergeben sollten. Abschreibungsraten werden hierbei anders
angesetzt als nach internationalen Standards und treiben so den Gewinn künstlich in die Höhe.
Die UES-Investoren ließen sich durch die früheren Zahlen nicht davon überzeugen, dass die
Geschäfte des Stromriesen besser liefen. ,Ich würde den meisten russischen Unternehmen nicht
über den Weg trauen, was das Rechnungswesen angeht", erklärt Harry Gallob, Fondsmanager
bei Erste Sparinvest in Wien.
Die meisten russischen Gesellschaften veröffentlichen ihre Gewinne immer noch ausschließlich
nach der russischen Rechnungslegung, und zwar dann, wenn sie es für richtig halten. Einige
Unternehmen veröffentlichen ihren Jahresabschluss im Februar, andere erst im August des
folgenden Jahres. Auch vom Staat vorgegebene Termine werden oft nicht eingehalten. Häufig
sorgt auch die Wertpapieraufsicht für weitere Verzögerungen bei der Veröffentlichung.
Eigentlich müssen Unternehmen ab 2001 ihre Zahlen nach westlichen Standards veröffentlichen.
Dieser Termin kann jedoch wahrscheinlich nicht eingehalten werden. Er dürfte auf 2003
verschoben und möglicherweise erst noch später umgesetzt werden, berichtet der Broker
Troika Dialog.
Bis August dieses Jahres haben nach Informationen von Troika Dialog lediglich 19 von 46
russischen Unternehmen, die an ausländischen Börsen notiert werden, ihre Zahlen nach
internationalen oder US-Standards veröffentlicht. Nur eine Handvoll russischer Unternehmen
schafft es, diese Zahlen fristgerecht zu veröffentlichen. Zwei dieser Unternehmen sind Mobile
Telesystems und AO Vimpelcom, die beiden größten russischen Mobiltelefongesellschaften, die
auch an der New Yorker Börse gehandelt werden. Mobile Telesystems hat im dritten Quartal
nach westlichen Bilanzierungsmethoden 28,6 Millionen Dollar Gewinn erzielt. Seitdem sie an der
New Yorker Börse gehandelt wird, ist die Aktie des Unternehmens lediglich um 1,1 Prozent
gefallen, während der RTS-Index 18 Prozent verloren hat.
Inzwischen strafen die Investoren aber auch russische Unternehmen ab, wenn sie die Zahlen
nicht nach internationalen Standards veröffentlichen. Als der größte russische Ölproduzent OAO
Lukoil Holding im letzten Monat bekanntgab, dass er die Bilanzierung nach internationalen
Standards wieder verschoben habe, sackte die Lukoil-Aktie um 14,5 Prozent ab. Letzte Woche
setzte Lukoil den Januar als neuen Termin für die Veröffentlichung seiner Zahlen für 1998, 1999
und das erste Halbjahr 2000 nach internationalen Standards an. Analysten befürchten allerdings,
dass das Unternehmen sein selbstgestecktes Ziel verfehlt. ,Nachdem sie sich so oft
widersprochen haben, glaubt ihnen doch keiner mehr", sagt Branchenanalyst Dmitri Awdejew
von dem Broker United Financial Group.
Gerade Ölgesellschaften, die mit die höchsten Gewinne aller russischen Unternehmen erzielen,
haben am Aktienmarkt geradezu erbärmlich abgeschnitten. OAO Surgutneftegaz konnte im
August einen nach russischer Berechnung auf das Dreifache gestiegenen Gewinn vermelden.
Trotzdem hat die Aktie des Unternehmens seitdem die Hälfte ihres Wertes verloren. Der RTS ist
dagegen ,nur" um 40 Prozent abgesackt. ,Wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis als Maßstab
nimmt, werden die meisten russischen Unternehmen sehr preiswert gehandelt", erklärt Tim
McCarthy, Fondsmanager bei Troika Dialog Asset Management. ,Russische Ölgesellschaften
konnten ihren Gewinn um mehr als 100 Prozent steigern. Im Aktienkurs spiegelt sich dies jedoch
nicht wider."
Investoren, die es gewohnt sind, Aktien nach dem Cash Flow zu bewerten, kommen damit in
Russland nicht weiter. ,Das Problem ist, dass man nicht weiß, wie viel davon im Unternehmen
verbleibt", erläutert Gallob. ,Es ist schließlich kein Geheimnis, dass in russischen Unternehmen
schon Millionen Dollar auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind." Ohne verlässliche
Rechnungslegung fehlen den Investoren harte Zahlen und Fakten, auf die sie ihre
Entscheidungen gründen können. ,Es gibt so wenig Informationen über Unternehmen, dass ich
jedes erhältliche Fitzelchen benutzen muss, um zu entscheiden, ob ein Unternehmen gut oder
schlecht wirtschaftet", beschreibt Bill Browder, Fondsmanager bei Hermitage Capital
Management in Moskau. ,Die Informationspolitik ist nur einer der Aspekte der
Unternehmensführung, der verbessert werden muss. Wenn ein Unternehmen Geld abzweigt und
dann den Gewinn korrekt ausweist,... ändert das an der Unternehmensführung wenig."
Illustration: RTSI$ GP stellt die Performance des russischen RTS-Indexes grafisch dar.
so long
Ohren steif halten und drei mal Gas geben
------------------
Asien (http://www.asienfreak.de)