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Wo Grennspan meint, mit seinen Äusserungen den Märkten den Rest geben zu müssen, setze ich noch einen drauf.
Zumindest mal was zum Nachdenken, auch wenn die Amerikaner niemals eine solche Sichtweise der Dinge bekommen können und ich den Artikel auch nicht voll akzeptiere.
Wirtschaftslage in den USA
Dr. Kurt Richebächer, früher
Chefökonom der Dresdner Bank, hielt die folgende Rede auf
einem Seminar der
EIR-Nachrichtenagentur am 5. November 2001 in Berlin. Wir haben
den Text hier etwas gekürzt. Die
ganze Rede wird in einem EIRNA-Bericht zusammen mit
den anderen Beiträgen
veröffentlicht werden.
Wahn und Wirklichkeit
Die tatsächliche Lage der
amerikanischen Wirtschaft
Meine sehr verehrten Damen und
Herren,
-- à propos Generationen. Ich bin
groß geworden in einer Zeit, als die Volkswirte die
Aufgabe hatten, nachzudenken. Sie
müssen bedenken: Die alte Generation hatte wenig
Statistik zur Verfügung, und schon
das zwang zum Denken. Aber besonders unter
amerikanischem Einfluß hat die
Statistik so sehr um sich gegriffen, ist so überwältigend
geworden, daß das Denken
vollkommen aufgehört hat. Das intellektuelle Niveau in der
ökonomischen Diskussion ist heute
für mich das niedrigste seit 200 Jahren (vor etwas
über 200 Jahren erschien Adam
Smith mit seinem Wealth of Nations). Die Amerikaner
haben schon in den 20er Jahren die
Theorie aufgegeben. Es gibt nicht einen großen
amerikanischen Nationalökonomen;
es gibt jede Menge Nationalökonomen aus England,
aus Schweden, aus Österreich --
aber nicht einen aus Amerika. Nun zur Sache.
Nach herrschender Meinung hat die
amerikanische Wirtschaft in den vergangenen Jahren
eine große Renaissance erlebt, die
Wunder der Produktivität und der Gewinne vollbracht
hat. Ich habe die Sache immer im
Auge behalten, und ich habe festgestellt, daß die
Wunder im Grunde nur in der
Statistik, aber überhaupt nicht in der Wirtschaft
stattgefunden haben.
Um das Ergebnis vorwegzunehmen:
Die Gewinnentwicklung der letzten Jahre ist die
mieseste der gesamten
Nachkriegszeit. Jetzt werden Sie fragen: "Wie ist denn das
möglich?" Das kann ich Ihnen sehr
einfach sagen: Es gibt in dieser Sache zwei
Zahlenreihen -- "Reihe" ist schon
übertrieben: es gibt eine Reihe, und das andere ist
Stückwerk. Also: Das worauf jeder
schaut, was Schlagzeilen macht, das sind die Berichte
der Unternehmen. Und diese
Berichte sind in einem Maße frisiert, daß sie keinerlei
Beziehung zur Realität haben. Die
Amerikaner sind heute an dem Punkte, wo die
Unternehmen sogenannte
Pro-forma-Gewinne mitteilen. Pro-forma-Gewinne sind
errechnete Gewinne, bei denen jede
beliebige Kostenart weggelassen wird, vor allen
Dingen Zinskosten und
Abschreibungen, die ausgegliedert werden nach dem Motto, diese
Kosten spiegelten nicht die
organische Entwicklung wider. Vodafone machte neulich
Schlagzeilen: "Gewinnanstieg 40%."
Das war aber nur der "EBITDA-Gewinn", das heißt
Einnahmen ohne Zinsen, ohne
Steuern, ohne Abschreibungen, ohne Amortisation.
Außerdem müssen Sie eines
bedenken: Warum führen die amerikanischen Unternehmen
alle diese Akquisitionen und
Mergers durch? Das Ziel besteht darin, Gewinne zu kaufen.
Die wollen keine Synergien. Die
wollen Gewinne kaufen, und diese werden dann dem
eigenen Gewinn zugeschlagen. Das
macht man zehn Mal im Jahr. Dann wird das
extrapoliert, und Sie erhalten die
wunderschönsten Gewinnkurven und bewundern die
ungeheure Rentabilität der
amerikanischen Wirtschaft. Mich stört, daß nicht ein Mensch
aufsteht und sagt: "Das ist doch
alles Quatsch."
Denn es gibt eine andere
Zahlenreihe. Und das ist die Zahlenreihe, an die ich mich als
Volkswirt halte. Das ist die
Zahlenreihe der amtlichen Statistik, der amtlichen
Sozialprodukt- und
Einkommensstatistik. Die kommt jeden Monat heraus und ist sehr
ausführlich. Da können Sie,
aufgeteilt nach 20 Branchen, in Details die Zahlen haben --
und dies sind die Zahlen, nach
denen ich mich richte. Tatsache ist folgende: Die
amerikanischen Gewinne sind scharf
angestiegen von 1990, der Rezession, bis 1994.
Mehr als 50% dieses Gewinnanstiegs
von insgesamt 66% kam von Zinssenkungen. Der
Rest kam von fallenden
Abschreibungen, die ihren Grund darin hatten, daß die
amerikanische Wirtschaft Ende der
80er Jahre aufgehört hatte zu investieren. Und das
übersetzte sich jetzt in sinkende
Abschreibungen, sinkende Zinsen und explodierende
Gewinne. Aber der Gewinnanstieg
hörte bereits im Jahre 1994 auf. In den nächsten fünf
Jahren bis 2000 stiegen die
Gewinne nur noch um 22%. Wie gesagt, das sind die
amtlichen Gewinnzahlen. Und danach
hatten die Amerikaner in den vergangenen fünf,
sechs Jahren für eine
"Hochkonjunktur" die mieseste Gewinnentwicklung aller Zeiten. In
den Jahren 1998/99 gab es eine
leichte Besserung. Aber seit dem 3. Quartal vergangenen
Jahres erleben wir den steilsten
Gewinnsturz aller Zeiten -- im übrigen auch bei den
Gewinnen, welche die Unternehmen
berichten. Denn diese Unternehmen haben in der
Vergangenheit, aus ihren
Akquisitionen, gewaltige Aktivposten in Form von "Goodwill"
gebildet. Sie haben ja alle
anderen Fabriken aufgekauft zu Überpreisen. Die mußten sie
irgendwie in der Bilanz
unterbringen, und das geschah, indem man sie auf die Aktivseite
als einen immer größeren Posten
"Goodwill" einsetzte. Und da nun die Gewinne einfach
verschwinden, muß man den
"Goodwill" abschreiben. Sie wissen, Nortel hat 49 Mrd.
"Goodwill" abgeschrieben und
andere Unternehmen 10 Mrd. Es sind unglaubliche Zahlen,
sofern sie sich um die Wahrheit
bemühen. Aber es gibt kaum jemanden, der sich um die
Wahrheit bemüht.
Was ist mit dem
Produktivitätswunder? Produktivitätswunder und Gewinnwunder sind ja in
unseren Vorstellungen eng
miteinander verkoppelt. Das eine Wunder fand so wenig statt
wie das andere. Mir fiel als
erstes auf: Es waren ja immer die Zahlen über den gewaltigen
Investitionsboom. In den letzten
Jahren lag die Investitionsquote der Amerikaner bei 35%
der Wachstumsrate. Auf der anderen
Seite gab es Null Ersparnisbildung,
zusammenbrechende
Ersparnisbildung. Für mich ist es logisch ein Unding, daß man
zugleich einen Investitionsboom
und zusammenbrechende Ersparnisse haben kann. Das
ist nicht möglich, denn ich kann
nur investieren, wenn ein anderer spart und mir dadurch
die Ressourcen freigibt für meine
Investition. Das war also von vorneherein ein totaler
Unfug. Aber niemand nahm Anstoß
daran, denn, wie gesagt, theoretisches Denken ist
völlig abhanden gekommen. Als
nächstes fielen mir die Computerinvestitionen auf. Es
wird dauernd gesagt, gewaltige
Computerinvestitionen bringen Produktivität. Ja, das tun
sie auch. Aber wie? Ich verglich
nominale Ausgaben für Computer und reale Ausgaben in
den beiden
Sozialproduktrechnungen. In der nominalen Statistik haben die
Investitionsausgaben der
amerikanischen Unternehmen für Computer in der Zeit von
1997 bis 2000 34 Mrd. Dollar
betragen. Das ist gar nichts für eine Volkswirtschaft von
10000 Milliarden Dollar BIP. Aber
in der Realrechnung des Sozialprodukts stehen keine
34, sondern 214 Mrd. Dollar. D.h.
in der Realrechnung wurden aus einem für Computer
ausgegebenem Dollar fast sieben
Dollar. Wie ist das möglich?
Hedonischer Preisindex und andere
Operationen
Die Amerikaner haben in den 80er
Jahren beschlossen, bei der Berechnung der
Investitionsrate mehr und mehr
Qualitätsverbesserungen zu berücksichtigen, und das
nennen sie den hedonischen
Preisindex. Beim Computer war das nun schon seit Jahren
im Gang, aber ab 1995 begann eine
förmliche Explosion in den Computerleistungen. Ich
bin da ein totaler Laie, aber es
geht wohl um Memory (Speicherkapazität) und um
Geschwindigkeit und alle diese
Dinge. Das explodierte. Und mit der Computerleistung
explodierte die Berechnung der
Investitions- und Produktionszahlen für Computer: Sie
versiebenfachte sich. Aus 34 Mrd.
wurden in der Statistik 214 Mrd. Diese 214 Mrd.
machten 20% des realen
Sozialproduktwachstums aus. Das war also schon ein dicker
Posten. Der zweite Schlag kam dann
vor zwei, drei Jahren. Da beschlossen die
amerikanischen Statistiker, daß
Software-Ausgaben eigentlich nicht als Kosten, sondern
als Investitionsausgaben zu
betrachten seien. Das gab noch einmal 70 Mrd. in die
Sozialproduktrechnung hinein. Sie
müssen bedenken: Kosten gehen nicht ins
Sozialprodukt. Ins Sozialprodukt
gehen nur Endausgaben. Aber als Investitionsausgaben
gehen sie nun ins Sozialprodukt,
und insgesamt ergab sich dann aus hedonischem
Preisindex plus Kapitalisierung
der Software -- auf dem Papier -- ein Investitionsboom
von 25% des Wachstums oder 1% des
Sozialprodukts. Dann gab es eine dritte Operation.
Im Jahre 1995 empfahl die
Boskin-Kommission Verbesserungen der Berechnung der
Inflationsraten unter stärkerer
Berücksichtigung etwaiger Qualitätsverbesserungen. Da
ging es sehr kompliziert zu.
Insbesondere die Mieten wurden plötzlich ganz niedrig. Auf
diese Weise kamen weitere 0,8%
Sozialprodukt zustande.
Wenn Sie jetzt diese drei Dinge
zusammenrechnen, dann kommen Sie zu dem Ergebnis,
daß im Grunde der ganze
Investitionsboom überhaupt nicht stattgefunden hat, außer in
diesen statistischen
Veränderungen.
Ich persönlich habe vor allen
Dingen auch den hedonischen Preisindex abgelehnt. -- Die
Idee scheint ja plausibel zu sein:
Mehr Leistung muß berücksichtigt werden. Allerdings
sind diese hedonischen Dollars,
die immerhin eine gute Portion des Wachstums
ausmachten, Dollars, die kein
Mensch ausgibt, kein Mensch einnimmt und keiner sieht. Es
sind Dollars ohne jede Spur von
wirtschaftlicher Wirkung. Und deswegen habe ich diese
Behandlung immer als groben Unfug
betrachtet. Aber es führte zu diesen phantastischen
Zahlen, nicht nur beim
Sozialprodukt, sondern auch bei der Produktivität. Denn jede
statistische Berechnung, die das
Sozialprodukt erhöht, geht mit gleicher Menge von
Dollars in die Produktivität
hinein. Und so hatten sie plötzlich nicht nur ein
Wachstumswunder, sondern auch das
berühmte Produktivitätswunder.
Noch ein anderer Punkt: Die
Amerikaner bauen keine Fabriken mehr. Der
Investitionsboom fand nur auf dem
beschriebenen Wege in Computern statt. Das hat nun
aber zu einer gewaltigen
Veränderung in der ganzen Investitionsstruktur geführt. Es wird
immer weniger kurzfristig
investiert, und langfristig überhaupt nicht mehr. Das erhöht
zwar am Anfang das Sozialprodukt
über Bruttoinvestitionen, aber dann kommen die
Abschreibungen, und die schießen
immer schneller in die Höhe, je länger dieser Prozeß
dauert. Wir sind jetzt an dem
Punkt, wo die Abschreibungen in Amerika die Investitionen
überholt haben. Amerika hat heute
negative Nettoinvestitionen, und das gesamte
Sozialprodukt, ohne
Abschreibungen, ist längst im Minus. Das amerikanische
Sozialprodukt ist in den letzten
drei Jahren um 14% gestiegen, aber die Abschreibungen
sind um 34% gestiegen. Das heißt,
Amerika ist hauptsächlich damit beschäftigt, seine
Abschreibungen zu verdienen. Das
bringt in der Statistik auch noch Wachstum, obwohl es
eigentlich nur darauf hinausläuft,
alte Maschinen zu ersetzen.
Produktivitätswunder hat nie
stattgefunden
Was nun die Gewinne betrifft, so
muß man bedenken, daß natürlich der hedonische
Preisindex keinen einzigen Dollar
in die Kasse bringt. Da kommt kein Gewinn zustande.
Die Kapitalisierung der Software
dagegen ging voll und ganz in die Gewinne. Denn
plötzlich werden Kosten
weggenommen und als Investitionsausgaben aktiviert. Das hat
die Gewinne erhöht. Bemerkenswert
ist, daß die Gewinnentwicklung trotz dieser
Verschönerung einfach katastrophal
ist. Insofern stellt sich die Frage: Wieso verlaufen die
Gewinne so schlecht? Eine einfache
Antwort ist: Das Produktivitätswunder hat nie
stattgefunden. Es hat eben nur in
der Statistik stattgefunden, aber nicht in der Wirtschaft.
Es gab statistischen Zuwachs, aber
keinen echten Produktivitätszuwachs für die
Unternehmen. Prosperität kommt
nicht von Produktivitätswundern, sondern sie kommt
vom Sparen und vom Investieren.
Die industrielle Prosperität hatte ihren Grund darin,
daß man riesige Fabriken bauen
mußte, um diese Maschinen herzustellen. Bedenken Sie,
was man investieren mußte, um die
Elektrizität herzustellen. D.h. die Prosperität kommt
vom Investieren, und nicht ohne
weiteres von der Produktivität. Wenn ich zusätzlich
Produktivität erhalte, dann ist
das prima. Aber die Prosperität kommt von der
Kapitalbildung, die stattfindet:
vom Bau der Fabriken und dem Bau der Maschinen. Es ist
die Tätigkeit, die Einkommen
entstehen läßt. Die Prosperität kommt von der
Einkommensbildung und nicht
automatisch von der Produktivität. Die Kapitalausgaben
sind somit der Kernpunkt bei all
diesen Dingen. Und die sind eben in Amerika minimal,
wenn sie diesen statistischen
Hokuspokus wegnehmen. Der andere Punkt ist der, daß in
meinen Augen diese berühmte
Shareholder-Value-Kultur die schlimmste Mißkultur
darstellt, die es je im
wirtschaftlichen Denken gegeben hat. Akquisitionen und Mergers
sind schließlich kein Ersatz für
Kapitalbildung und Investitionen. Diese Unternehmen
haben en masse diese Akquisitionen
betrieben, um nicht zu investieren. Ich sage immer:
"Restrukturing" und "Downsizing"
und all diese schönen Worte sind bloß Synonyme für
"Nichtinvestieren". Und aus diesem
Grunde fehlt es in den USA an Kapitalbildung. In
einem Lande, wo nicht gespart
wird, kann es ja auch gar keine Kapitalbildung geben,
höchstens auf dem Papier.
Und daher bin ich der Meinung, daß
diese Technik, die so gerühmt wird für ihre
Produktivität, gar keine Profite
generiert. Wenn Sie heute die Nasdaq-Unternehmen
nehmen und all die Abschreibungen
berücksichtigen, dann haben diese Unternehmen seit
1995 keinen Pfennig verdient. Sie
sind alle in den roten Zahlen. Das waren
Scheingewinne in der
Vergangenheit, die sie großenteils aus dem Aktienmarkt geholt
haben. Sie haben ihre Gewinne im
Aktienmarkt gemacht, haben dann andere
Unternehmen gekauft, und die
Gewinne wurden aufeinandergetürmt. Das waren alles
Papiergewinne, Scheingewinne,
keine Gewinne aus Produktion und Produktivität. Es war
alles Betrug. Und insofern sehe
ich das Problem in der Technik. Die Amerikaner haben
geglaubt, das muß doch eine
wunderbare Technik sein, für die man so wenig tun muß. Da
kann man 50% mehr produzieren, von
heute auf morgen, und dann sind wir alle reiche
Leute. Wir haben geglaubt, daß
diese Technologie besonders gut sein muß, weil sie so
wenig kostet. Aber das ist der
Grund, warum sie auch keinen Gewinn bringt. Gewinne
können nur über Ausgaben
entstehen. Ich sage immer: Die Hauptgewinnquelle sind
kapitalisierte Ausgaben. Und wenn
ich keine kapitalisierten Ausgaben habe, kann ich
keine Gewinne machen. Und diese
Quelle fließt nicht bei dieser neuen Technik. Sie fließt
auch nicht von dieser neuen
Shareholder-Value-Kultur, die ja andere Transaktionen
vorzieht. Ich lese immer wieder,
was die amerikanische Notenbank alles unternimmt:
neun Zinssenkungen, demnächst die
zehnte Zinssenkung. Und dann sage ich: Aber liebe
Leute, allmählich ist es doch
Zeit, einmal darüber nachzudenken, warum diese
Zinssenkungen überhaupt keine
Wirkung haben -- abgesehen davon, daß sie im Moment
den Aktienmarkt hochtreiben.
Nebenbei gesagt, die Aktien werden immer teurer, da die
Gewinne nämlich noch viel
schneller als die Aktienkurse gefallen sind. Im Transportsektor
zahlen sie das 800fache für die
Gewinne, vielfach sind ja gar keine Gewinne mehr da, und
bei Utilities
(Versorgungsunternehmen für Wasser, Strom etc.) bezahlen sie das
60fache.
Bei Dow-Jones-Firmen zahlen sie
das 35fache, und das bezieht sich wohlgemerkt auf die
frisierten Gewinne. Die Gewinne
sagen mir, wohin die Wirtschaft geht, nicht der dämliche
Index von der Michigan University
über die Stimmung der Konsumenten. Nicht der
Konsument, wie die Amerikaner
glauben, sondern die Gewinne und die Investitionen der
Unternehmen sind entscheidend. Der
Konsum kommt dann von selber.
Die andere erstaunliche Sache:
Alle Rezessionen der Vergangenheit hatten ein und
dieselbe Ursache. Steigende
Inflationsraten zwangen die Notenbank, die Bremse zu
ziehen, und es kam zu drastischen
Kreditrestriktionen. Scharf rückläufige Kredite führten
zum Abschwung. Das ist die Ursache
einer jeden wirtschaftlichen Rezession der
Nachkriegszeit in Amerika und in
Europa gewesen. In Amerika hat aber überhaupt keine
Verlangsamung der Kreditexpansion
stattgefunden. In den Boom-Jahren lag die
Kreditexpansion des privaten
Sektors in Amerika, also der Unternehmen und der
Konsumenten, bei über einer
Billion Dollar pro Jahr. Bis 1997 waren die Kredite um etwa
700 Mrd. Dollar gewachsen. Seit
1998 wachsen sie pro Jahr um über 1000 Mrd. Dollar.
Aber diese tausend Mrd. Dollar
bringen gar nichts mehr. Das Komische ist: Sie haben ein
scharf rückläufiges
Wirtschaftswachstum, sie haben zusammenbrechende Gewinne, sie
haben zusammenbrechende
Investitionen, aber sie haben eine Geld- und
Kreditexpansion, die alle Rekorde
schlägt. Die breite Geldmenge wächst um 13,5% --
Kreditwachstum von 1000 Mrd.
Dollar im privaten Sektor -- im finanziellen Sektor ist auch
noch eine gewaltige
Kreditausweitung im Gange. Wir haben die tollste Kreditausweitung
aller Zeiten, und dennoch bricht
die Wirtschaft einfach zusammen. Es wäre nun an der
Zeit, einmal darüber nachzudenken,
wie es denn überhaupt zu dieser scharfen
Konjunkturabschwächung kommen
konnte, während die Kredite und die Geldmengen in
unvermindertem Tempo
weitergeflossen sind. Wie ist das möglich? Ich will Ihnen sagen,
warum: durch den Zusammenbruch der
Gewinne. Das ist die einzige plausible Erklärung.
In Amerika fehlt kein bißchen
Geldmenge, kein bißchen Kredit. Früher, also in den
normalen Zeiten, kam auf einen
Dollar Wachstum des Sozialprodukts 1,6 Dollar
Kreditausweitung. Wir waren schon
in den Jahren 1998/99 bei vier, fünf Dollar
Kreditausweitung pro Dollar
zusätzlichem Sozialprodukt. Heute sind wir bei Milliarden
Dollar für nichts. Für mich lautet
die ganze Frage daher nicht: "Wie können wir die Kredite
ankurbeln?" Ja, wohin wollen sie
denn noch mit den Krediten? Wir sind heute bei tausend
Milliarden. Wollen sie morgen auf
1500 Milliarden gehen? Der Punkt ist: Die Kredite gehen
nicht in die Wirtschaft. Und sie
gehen nicht vom Unternehmen in die Wirtschaft, weil die
Unternehmen nichts mehr verdienen.
Deswegen sehe ich keine Besserung in dieser
Beziehung. Der einzige, der bis
jetzt noch immer mehr gepumpt hat und die Konjunktur
noch einigermaßen hochgehalten
hat, war der Konsument. Und die Amerikaner sind ganz
stolz darauf, daß der Konsument
sein Haus immer mehr bis zum Schornstein verschuldet.
In Amerika ruft man seine Bank an
und sagt: Der Wert meines Hauses ist wieder um 10%
gestiegen, ich möchte meine
Hypothek um 10% erhöhen. Drei Tage später haben Sie
30000 Dollar auf dem Konto. So
einfach geht das. Abertausende von Amerikanern haben
das in den letzten Wochen und
Monaten gemacht. Und darauf sind die Amerikaner auch
noch stolz.
Wo ist die Prosperität, wenn sie
darin besteht, daß die Konsumenten ihre Ausgaben nur
steigern können, indem sie ihre
Haus beleihen? Das ist doch Schwachsinn. Ökonomisch ist
das unglaublich. Wenn Sie sich die
Statistik ansehen, dann stellen Sie fest, daß der
amerikanische Konsument seit 20
bis 30 Jahren eine rapide steigende Verschuldung auf
sein Haus besitzt. Ich habe noch
die Generation der Amerikaner gekannt, die stolz darauf
waren, wenn die Hypothek abbezahlt
war. Heute sind sie stolz darauf, wenn sie sie
erhöhen können. Und das steigt und
steigt und steigt. Für mich ist das nun beim besten
Willen kein Zeichen von Wohlstand.
Es ist das Gegenteil. Greenspan ist im Kongreß
gefragt worden: "Sagen Sie mal,
ist das nicht problematisch, steigende Häuserpreise,
steigende Hypotheken?" Und da sagt
Greenspan: "Och, solange die Häuserpreise
weitersteigen, steigt ja auch die
Equity, das Eigenkapital." Der fand gar nichts dabei. Man
muß sich das vorstellen: Die
Häuserpreise erlauben steigenden Konsumkredit, und das
wiederum soll die Konjunktur
retten.
Heute morgen war von Lösungen die
Rede. Ich gehöre zu denjenigen, die sagen: "Die
Leute, die uns das eingebrockt
haben, sind nicht in der Lage, uns da wieder
herauszubringen." Und nebenbei
gesagt: Es ist viel schwieriger, als wir glauben. Um nur
ein Beispiel zu nennen:
Sehen Sie
sich Japan an. Da wird immer gesagt, die Japaner
weigerten sich, zu
restrukturieren. Das Problem Japans besteht darin: Die haben sich in
den Bubble-Jahren ihre
Investitionsdynamik zerstört. Endgültig zerstört. Aber auf der
anderen Seite: Die Konsumenten
sparen. Bei Nullzins muß ich ja noch mehr sparen als
vorher, um meinen Lebensabend zu
sichern. Im Grunde krankt Japan daran, daß es seine
Investitionsdynamik nicht mehr in
den Griff bekommt. Aber es hat Konsumenten, die
noch sparen. Und wir haben sie in
gemilderter Form ebenfalls. Wir haben immer noch
Sparer, aber immer weniger
Investitionen. Die Amerikaner und die Angelsachsen im
allgemeinen sind in dieser
Beziehung der krasse Gegensatz. Die sparen überhaupt nicht,
investieren auch nicht, aber sie
haben Kreditsysteme, die bis zum Exzeß darauf
eingerichtet sind, Konsumkredit zu
finanzieren. Die amerikanischen Banken schicken
jedes Jahr in Milliardensummen
Kreditkarten aus. Jeder Amerikaner bekommt jedes Jahr
mindestens 50 Kreditkarten. Und
jede Kreditkarte hat eine Kreditlinie. Die Besonderheit
Amerikas besteht also darin, daß
es ein Kreditsystem hat, das voll und ganz auf
Konsumkredit ausgerichtet ist. Und
die Scheinprosperität der Amerikaner besteht darin,
daß sie immer weniger sparen,
immer weniger investieren, immer mehr konsumieren.
Die alten Ökonomen nannten diesen
Prozeß Kapitalkonsum. Und das führt zwangsläufig
zum wirtschaftlichen Niedergang.
Aber die Amerikaner haben soviel dämliche Europäer
und Japaner und andere Asiaten,
die ihnen das Geld immer jeden Tag von neuem
schicken. Insofern geht das
weiter. Wenn Sie genau hinsehen, stellen Sie fest: Der
Anstieg des Lebensstandards in den
USA hat seinen alleinigen Grund in den
Auslandskrediten. Das ist die
einzige Möglichkeit, den Lebensstandard zu erhöhen. Denn
der Durchschnittslohn des
Amerikaners geht seit 1973 beständig zurück, und der Reallohn
des Amerikaners liegt heute
mindestens 25% unter dem Standard von 1973.
Da ist schon einiges wahres dran
Gruß
:dunce:
aus der FTD vom 6.5.2002
Washington droht die Zahlungsunfähigkeit
Von Yvonne Esterhazy, Washington
In diesen Wochen droht den USA die Zahlungsunfähigkeit, wenn die Gesamtverschuldung der öffentlichen Hand an die gesetzlich festgelegte Obergrenze von 5950 Mrd. $ stößt. Die Regierung von Präsident George W. Bush appelliert daher an das Parlament, die erlaubte Schuldenmarke zu erhöhen.
Andernfalls droht die Gefahr, dass die öffentliche Hand ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Besitzern staatlicher Anleihen nicht mehr nachkommen kann. "Ende Juni ist wirklich das Ende der Party erreicht. Danach gibt es nichts mehr", warnte der Staatssekretär im Finanzministerium, Peter Fisher, kürzlich in einem Interview.
Das Problem wurde bisher von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die steigende Schuldenlast ist das Ergebnis mehrerer Faktoren: Auf der Einnahmenseite sind die steuerlichen Erträge hinter den Erwartungen zurückgeblieben, gleichzeitig stiegen jedoch die öffentlichen Ausgaben infolge des neuen Konjunkturpakets sowie des aufgestockten Militäretats und der zusätzlichen Mittel für die innere Sicherheit kräftig an. Der Rückgang des Steueraufkommens ist wiederum das Resultat der im letzten Juni verabschiedeten Einkommenssteuerreform und eine Folge der Rezession.
Bisher hatte sich die Regierung mit einer Reihe von kreativen Tricks über die Runden gerettet, um nicht an das offizielle Schuldenlimit zu stoßen. Sie setzte dabei auf eine Verbesserung der Kassenlage nach dem Steuerstichtag am 15. April, der üblicherweise zu einem kräftigen saisonalen Zuwachs der Einkommenssteuererträge führt. Das Finanzministerium hatte für das zweite Quartal des Jahres sogar einen Schuldenabbau von rund 89 Mrd. $ geplant. Die Erträge blieben jedoch um etwa 50 Mrd. $ hinter den Erwartungen zurück. Nun wird für das zweite Quartal bereits mit einer Netto-Neuverschuldung von 1 Mrd. $ gerechnet - das wäre die erste geplante Neuverschuldung in einem zweiten Quartal seit 1995.
Die Zeit drängt
"Gemäß diesen Projektionen dürfte die Schuldenobergrenze von 5950 Mrd. $ bereits Mitte Mai erreicht werden und danach über dem derzeitigen Limit liegen", erklärte nun das Ministerium. Bereits im Dezember hatte die Regierung das Parlament zum ersten Mal um eine Erhöhung des Limits gebeten - bisher jedoch ohne Erfolg. "Es ist dringend erforderlich, dass vor Ende Juni etwas passiert", warnte Staatssekretär Fisher letzte Woche unter Hinweis darauf, dass am 28. Juni mehr als 60 Mrd. $ an Zinsen für öffentliche Anleihen fällig werden.
Fünf Monate vor den Kongresswahlen dürften die Demokraten jedoch kaum bereit sein, der Regierung stillschweigend aus ihrer klammen Finanzlage zu retten und damit einen wichtigen innenpolitischen Trumpf aus der Hand zu geben.
"Mr. Bush genießt auf Grund des Krieges immer noch die hohen Popularitätsraten; die Öffentlichkeit weiß immer noch nicht, wie schlecht die Haushaltslage wirklich ist", so der Harvard-Ökonom Paul Krugman. Zwar ist schon länger klar, dass der US-Haushalt, der in den letzten vier Jahren Überschüsse auswies, im laufenden Fiskaljahr wieder ins Minus rutschen würde. Bisher gingen offizielle Schätzungen jedoch von einem Defizit in Höhe von 80 Mrd. $ aus. Mittlerweile erwarten viele Experten allerdings, dass es 100 Mrd. $ oder mehr betragen könnte. Noch im Jahr 2000 war ein sattes Plus von 236 Mrd. $ erwirtschaftet worden.
Krugman spricht bereits von einer "Steuerkatastrophe". "Sogar eine dramatische wirtschaftliche Erholung wäre nicht genug, um uns wieder in den schwarzen Bereich zurückzubringen", warnte der Harvard-Ökonom unter Hinweis auf die in den nächsten Jahren geplanten weiteren Steuersenkungen und die massive Aufstockung des Verteidigungsetats.
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Veto der Demokraten
Obergrenze In den USA gilt für die Staatsverschuldung ein gesetzliches Limit von 5950 Mrd. $. Einer Erhöhung muss der Kongress zustimmen.
Ausfall Überschreitet der Staat das Schuldenlimit, müssten Zins- und Rückzahlungen an die Besitzer von Staatsanleihen ausgesetzt werden.
Ablehnung Bereits im Dezember forderte die US-Regierung den Kongress vergeblich auf, die Schuldenobergrenze um 750 Mrd. $ zu erhöhen. Vor allem die Demokraten im Kongress wollen US-Präsident George W. Bush keinen neuen Spielraum geben.
© 2002 Financial Times Deutschland
URL des Artikels: http://www.ftd.de/pw/in/1014399073694.html
sehr guter Beitrag, danke ! :)
Hi Kapital!
Hochinteressant der Artikel, vielen Dank!
Was ich in diesem gut verständlichen und detaillierten Artikel aufgefasst habe, macht mich sehr neugierig, wie rein volkswirtschaftlich der ultralangfristige Ausblick auf das Gesamtwirtschaftssystem USA zu bewerten ist.
Was mich und wahrscheinlich viele Nicht-Amis schon über die zurückliegenden Boom-Jahre an der US-Börse stört, ist die Offensichtlichkeit, mit der dieser Aufschwung grösstenteils durch Konsumentenkredite finanziert wurde. Wie auch aus dem Artikel ersichtlich wird, liegt die Verschuldung eines Amis weit über dem, was noch als tragbar zu bezeichnen wäre.
Ich besitze allerdings nicht das Wissen, die tatsächliche Situation zu beurteilen, aber allein aus den wirtschaftlichen Negativ-Faktoren wie Verschuldung und das beinahe obligatorische und astronomisch hohe Aussenhandelsdefizit der USA (um nur zwei Faktoren zu nennen), kann man ableiten, dass die USA über die nächsten Dekaden vor einem ähnlich extremen, aber andersartig gelagerten Wirtschaftskollaps, wie in Japan passiert, stehen müssten...
Vielleicht können die Ökonomen unter uns mal etwas zu diesem Thema sagen?
Greets
Big AL
Der folgende Artikel vom 28. August 2000 (Quelle: wsws.org) verdeutlicht nocheinmal die enorme Abhängigkeit der USA von einem beständigen Zufluss ausländischen Kapitals und einem starken Dollar:
Anfang dieses Monats berichtete das Handelsministerium, dass das Außenhandelsdefizit der USA im Juni mit 30,62 Milliarden Dollar eine neue Rekordmarke erreicht hatte.
Die Massenmedien schenkten dieser Meldung wenig Aufmerksamkeit. Sie verlor sich zwischen Berichten über ein beispielloses Wirtschaftswachstum während der Präsidentschaft Clintons und optimistischen Voraussagen, dass die US-Zentralbank unter Alan Greenspan nach einer Reihe von Zinserhöhungen für eine "weiche Landung" der US-Wirtschaft sorgen werde.
Doch das Außenhandelsdefizit ist nicht einfach nur eine dunkle Wolke am ansonsten sonnigen Wirtschaftshimmel. Es ist ein Symptom langfristiger Prozesse, die sehr rasch schwerwiegende Folgen für die amerikanische und die gesamte Weltwirtschaft mit sich bringen könnten. Zu diesen Prozessen zählt u. a. die wachsende Abhängigkeit der US-Wirtschaft von einströmendem internationalen Kapital, die Überbewertung der Aktien, sowie die wachsende Verschuldung sowohl von Privatpersonen als auch von Unternehmen. All dies deutet darauf hin, dass der Wirtschaftsboom der USA womöglich auf tönernen Füßen steht.
Die jüngsten Zahlen aus dem Handelsministerium wurden zwar wenig beachtet, dennoch scheinen sie hinter den Kulissen Besorgnis zu erregen. Ein Artikel des Wall Street Journal vom 14. August unter der Überschrift "Wird das Außenhandelsdefizit den Boom dämpfen?" stellte zum Beispiel die Frage, wann die Investoren zu dem Schluss kommen würden, dass das Defizit zu groß geworden sei, daraufhin ihr Geld abziehen und dem Boom ein Ende bereiten würden.
Er machte darauf aufmerksam, dass in den ersten drei Monaten dieses Jahres "das laufende Defizit - der allgemeinste Maßstab des Handelsungleichgewichts - zum ersten Mal auf mehr als 4 Prozent des Bruttosozialprodukts anstieg", und dass laut Vorhersagen von Merrill Lynch "die Lücke in diesem Jahr 411 Milliarden Dollar betragen wird, 24 Prozent mehr als im Jahr 1999, und mit 4,2 Prozent der Gesamtwirtschaft so viel wie nie zuvor."
In den meisten anderen Ländern würde ein derartiges Außenhandelsdefizit eine Wirtschaftskrise auslösen. Doch die USA nehmen eine einzigartige Stellung ein. Aufgrund der Rolle des Dollars als Weltwährung können sie ihr Außenhandelsdefizit durch das Hereinströmen ausländischer Investitionen ausgleichen. Das bedeutet, dass selbst bei wachsendem Defizit immer noch Geld in die USA hereinströmt, den Dollar gegenüber anderen Währungen nach oben treibt und damit eine noch größere Menge Devisen anzieht. Doch ein solcher Prozess geht irgend wann einmal zu Ende, und zwar wenn ausländische Investoren möglicherweise entscheiden, ihr Geld abzuziehen.
Das Wall Street Journal zitierte den Chef-Volkswirt der Deutschen Bank Norbert Walter, der davor warnte, dass das Vertrauen in die USA in kurzer Zeit einbrechen könne. Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Kapitalfluss in die USA austrockne und der Dollar abstürze. Dies werde zu Zinserhöhungen und einer Börsenkrise in Amerika führen.
Das Szenario für eine solche Krise könnte folgendermaßen aussehen: eine plötzliche Änderung der Markterwartungen, ausgelöst vielleicht durch eine unerwartete Zinserhöhungen, veranlasst die Großinvestoren, sich aus dem Dollar zurückzuziehen und auf den Euro oder eine andere Währung umzusatteln. Der Dollar sinkt, so dass weitere Investoren in rascher Folge aus dem US-Markt aussteigen, um ihre Einbußen möglichst gering zu halten. Als Reaktion darauf könnte die amerikanische Zentralbank womöglich die Zinsen anheben, was zu einem starken Rückgang der Dividendenansprüche und zu Problemen auf dem Immobilienmarkt führen würde. Jene Einzelpersonen und Unternehmen, die sich in der Erwartung eines weiter ansteigenden Marktes verschuldet haben, würden in arge Schwierigkeiten geraten.
Das WSJ sah ein solches "Katastrophenszenario" zwar in weiter Ferne, räumte aber ein, dass es mit jedem weiteren Anstieg des Außenhandelsdefizits näher rücke. Auch Alan Greenspan habe sich vergangenen Monat entsprechend geäußert.
"Irgend wann", hatte Greenspan vor dem Repräsentantenhaus erklärt, "muss es zu einer Anpassung kommen, wir wissen aber nicht, wo und wie. Wir wissen nicht, ob es sich über eine sehr lange Zeitspanne hinziehen wird, so dass die Anpassungen normal und ohne Erschütterungen vor sich gehen werden, oder ob sie sich abrupt einstellen werden."
Während Greenspan die Hoffnung verbreitet, dass das US-Handelsdefizit sich langsam auflösen wird, warnen andere Analysten vor abrupten Wendungen. Eine Studie des Ökonomen Wynn Godley, die das James Levy Institute im Juni veröffentlichte, bot eine kalte Dusche für die Anhänger der Auffassung, die sogenannte "New Economy" könne endlos weiter expandieren. Godleys Analyse, die unter der Überschrift "In Schulden ertrinken" erschien, geht davon aus, dass die wachsenden Ausgaben in der US-Wirtschaft sowohl im privaten als auch im unternehmerischen Bereich von einer nie da gewesenen Verschuldung getragen würden.
Er machte darauf aufmerksam, dass über sehr lange Jahre hinweg das Einkommen stets über den Ausgaben gelegen habe und netto rund drei Prozent des Nationaleinkommens auf Sparkonten geflossen seien. Doch ab dem Jahr 1992 habe sich dieses Verhältnis verändert. Die Ausgaben begannen im Verhältnis zum Einkommen zu wachsen. In jüngster Zeit ergab sich eine besonders starke Veränderung.
"Die Netto-Ersparnisse", so Godley, durchbrachen im Jahr 1997 die Null-Linie und sinken seither immer tiefer in den negativen Bereich. Im ersten Quartal dieses Jahres erreichten die Netto-Ersparnisse minus 7 Prozent des Einkommens und lagen damit 9 bis 10 Prozent unter dem früheren Normalniveau. Was immer dieses private Defizit für die Zukunft mit sich bringt, es unterscheidet sich jedenfalls grundlegend von allem, was wir früher hatten - zumindest in den Vereinigten Staaten."
Allgemein herrsche die Ansicht vor, so Godley, dass aufgrund der wachsenden Kapitalerträge auch der private Konsum gestiegen sei, die Zahlen der Zentralbank bewiesen hingegen, dass die gestiegenen Ausgaben auf zusätzliche Kreditaufnahmen zurückzuführen seien. Diese Verschuldung habe es ermöglicht, von Kapitalerträgen zu profitieren, ohne Wertpapiere zu verkaufen, und somit die Veräußerungssteuer zu vermeiden.
Im Jahr 1991 war die Nettokreditvergabe an den privaten, außerhalb des Finanzwesens angesiedelten Sektor eine zu vernachlässigende Größe gewesen, doch im Jahr 1999 war sie auf mehr als 1 Billion Dollar angewachsen. Am Ende des Jahrzehnts stockte die Verschuldung das verfügbare Einkommen um bis zu 15 Prozent auf.
"Die Schlussfolgerung scheint angebracht", schreibt Godley, "...dass das hohe Verschuldungsniveau mittlerweile ein Risiko darstellt; sollten die Aktienkurse stark sinken oder die Zinsraten merklich steigen, so könnten schwache Positionen ins Wanken geraten. Dies wiederum könnte eine Abwärtsspirale erzwungener Verkäufe auslösen."
Er machte darauf aufmerksam, dass die finanzpolitischen Prognosen der Regierungssprecher, die von einem anhaltenden Wirtschaftswachstum und einem steigenden Haushaltsüberschuss ausgingen, von höheren Verbraucherausgaben abhingen. Dies wiederum setze voraus, dass "die privaten Netto-Ersparnisse immer tiefer in den negativen Bereich absinken" - eine Situation, die auf Dauer nicht haltbar ist.
Auf der anderen Seite ist das Wirtschaftswachstum in den USA mittlerweile derart stark von wachsenden Ausgaben abhängig, dass auch die Rückkehr des Sparniveaus auf ein Niveau, wie es früher als normal galt, "fürchterliche Folgen hätte".
"Wenn die privaten Ausgaben im Verhältnis zu den Einkommen um 5 bis 10 Prozent sinken, dann wird es einige Jahre lang fast kein Wachstum mehr geben", schreibt er. Und wenn diese Veränderung schnell einträte, "dann würde es zu einer schweren Rezession kommen, mit ernsten Folgen für den Rest der Welt". Der Haushaltsüberschuss würde verschwinden, und mit einer Rezession oder langen Stagnation käme auch "ein deutlicher Rückgang der Börse, der die Lage noch einmal unermesslich verschlechtern würde".
Die US-Wirtschaft ist nicht nur in eine immer stärkere Abhängigkeit von der Verschuldung geraten, sie musste auch immer stärker auf internationale Quellen zurückgreifen, um das Wachstum zu finanzieren.
Angezogen von den steigenden Aktienkursen und von Investitionen in den starken Dollar, ist selbst dann Kapital in die USA geströmt, als sich die Zahlungsbilanz verschlechterte. Das hereinströmende Kapital hat wiederum die Börse nach oben getrieben, Ausgaben und Wachstum gesteigert sowie den Dollar gestärkt, so dass noch mehr ausländisches Kapital kam. Doch dieser goldene Kreislauf kann sich rasch in einen Teufelskreis verwandeln - wenn das Katastrophenszenario eintritt, das in der Analyse des Wall Street Journal vorgezeichnet wird.
In einer Studie mit dem Titel "Die internationalen Kapitalströme und das amerikanische Kapitalkonto", das die Ökonomin Jane D'Arista im Dezember letzten Jahres für das Financial Markets Centre erstellte, wurde die Abhängigkeit der USA von internationalen Kapitalquellen in allen Einzelheiten aufgezeigt. Laut dieser Analyse bildet das Hereinströmen internationaler Fonds mittlerweile "die Hauptstütze des US-amerikanischen Wohlstands".
"Die Menge des hereinströmenden Kapitals ist enorm, welchen Maßstab man auch anlegt. Die finanzielle Nettoverschuldung Amerikas gegenüber dem Rest der Welt hat ein solches Ausmaß angenommen, dass Zinsen und andere Zahlungen aus US-Finanzanlagen in ausländischem Besitz das Einkommen aus ausländischen Wertpapieren in US-Besitz weit übersteigen (zum Jahresende 1998 ergab dieser Saldo ein Minus von 12 Milliarden Dollar)."
Zur Zeit des Börsenkrachs von 1987, so merkt der Bericht an, war die finanzielle Stellung der USA auf internationaler Ebene noch eben so positiv wie während der gesamten Periode seit dem Ersten Weltkrieg, doch seither habe sie sich rapide in ihr Gegenteil verkehrt.
"Im Jahr 1989 waren die USA zu einem Netto-Schuldnerland geworden, und während der gesamten neunziger Jahre stieg ihre äußere Verschuldung weiter. Zum Ende des Jahres 1996 war die Verschuldung auf den Rekordwert von 548 Milliarden Dollar angestiegen (wenn man den Marktwert der Vermögenswerte zugrunde legt). Ein Jahr später wurde die Schwelle zu 1 Billion Dollar überschritten - das entspricht 13 Prozent des Bruttosozialprodukts -, und Ende des Jahres 1998 wurden 1,5 Billionen Dollar erreicht. Nachdem sich also die Verschuldung gegenüber dem Ausland innerhalb des Zeitraums von 24 Monaten verdreifacht hatte, entsprach sie nunmehr 18 Prozent des BSP."
Diese Analyse kommt zu dem Schluss, dass die US-Wirtschaft anfällig ist gegenüber in- und ausländischen Erschütterungen, die das Vertrauen in den Dollar untergraben könnten.
"Wenn das Vertrauen verloren gehen sollte, dann würden die Verkäufe von US-Finanzanlagen durch ausländische Investoren die inländischen Zinsraten nach oben treiben und den Wechselkurs des Dollars so tief drücken, dass eine weitaus tiefere Rezession ausgelöst werden könnte, als jene, zu der es unter ähnlichen Umständen in den dreißiger Jahren kam."
Die zunehmende Instabilität der US-Wirtschaft, die sich aus der wachsenden Verschuldung und Abhängigkeit von ausländischem Kapital ergibt, lässt sich auch aus einem Vergleich von Clintons Präsidentschaft mit früheren Regierungen ablesen.
Ein Artikel von Robert Pollin in der Mai-Juni-Ausgabe der britischen Zeitschrift New Left Review weist darauf hin, dass "praktisch sämtliche wirtschaftlichen Leistungen der Clinton-Jahre mit dem außergewöhnlichen Höhenflug der Börse zusammenhängen, der gleichzeitig eine höchst fragile Finanzstruktur erzeugte."
Das Wachstum des BSP betrug in den Jahren 1993 bis 1999 durchschnittlich 3,7 Prozent im Jahr und nimmt sich damit gegenüber den Wachstumsraten von 2,7 bzw. 2,9 Prozent während der Amtszeiten von Nixon-Ford und Reagan-Bush günstig aus. Es liegt jedoch nur unwesentlich über der 3,4-prozentigen Wachstumsrate, die während der Periode der Carter-Administration verzeichnet wurde, und deutlich unter den 4,8 Prozent, die während der Regierungszeit von Kennedy und Johnson erreicht wurden.
Dieselbe Tendenz zeigt sich im Produktivitätsanstieg, der 1993 bis 1999 bei 1,8 Prozent lag und damit weit unter der 3,4-Prozent-Rate der Jahre Kennedy-Johnson und nur unwesentlich über der 1,7-Prozent-Rate während der Regierungszeit von Reagan und Bush.
Wenn man sich jedoch die börsenbezogenen Statistiken und das Anwachsen der Verschuldung ansieht, so schlägt die Clinton-Regierung alle ihre Vorgänger. In der Periode 1993 bis 1999 ist der S&P 500-Index durchschnittlich jedes Jahr real um 17,6 Prozent gestiegen, also zwei-einhalb Mal so stark wie unter Reagan und Bush. Zugleich ist das Verhältnis zwischen den gesamten Verbindlichkeiten und dem verfügbaren Einkommen aller Haushalte, das bereits unter Reagan-Bush auf zuvor unvorstellbare 77,8 Prozent gestiegen war, unter Clinton weiter auf den Wert von 94,2 Prozent geklettert.
Wenn Clinton auf seine wirtschaftspolitischen Leistungen hinweist, so muss man anmerken, dass die Lohnerhöhungen unter seiner Regierung geringer waren, als während jeder früheren Wachstumsperiode. In diesem Zusammenhang verweist Pollin auf einige aufschlussreiche Statistiken, die aus einer Ende 1999 erfolgten Umfrage der Zeitschrift Business Week hervorgegangen sind. Sie stellte fest, dass 51 Prozent der amerikanischen Arbeiter "das Gefühl hatten, von ihrem Arbeitgeber betrogen zu werden", und wenn sie nach ihrer Ansicht über den sogenannten "Produktivitätsboom" befragt wurden, so antworteten rund 63 Prozent, dass er nichts zur Erhöhung ihres Einkommens beigetragen habe, und 62 Prozent meinten, ihr Job sei dadurch nicht sicherer geworden.
Wenn man Schlüsse aus dem beinahe vollkommene Schweigen zu den jüngsten Außenhandelszahlen und deren Implikationen ziehen möchte, so lässt sich wohl sagen, dass es während des Präsidentschaftswahlkampfes in den kommenden zwei Monaten so gut wie keine Diskussion oder Analyse über den tatsächlichen Zustand der amerikanischen Wirtschaft geben dürfte. Denn eine solche Auseinandersetzung würde allzu deutlich Prozesse zutage fördern, die eher früher als später eine tiefgreifende Finanzkrise erwarten lassen.
Bullvestor
15.05.2002, 21:59
@Kapital vielen Dank!
wo kann man denn einführende Literatur zu den genannten Themen finden, die auch wirklich verständlich ist.
Gruß
Bull
die Bilanzfälschungen
wo soll das nur enden?
BILANZFÄLSCHUNGEN
WorldCom ist nur die Spitze des Eisbergs
Wenn einige Finanzexperten Recht haben, sind die Skandale von Enron, WorldCom und Xerox erst der Anfang. Auch bei Blue Chips wie Cisco, AOL Time Warner und IBM könnten, so ihre Befürchtung, noch brisante Fehlbuchungen in den Bilanzen stecken.
New York - "Es wird in der nächsten Zeit häufiger zum Platzen solcher Blasen kommen", sagte Howard Schilit, Präsident des Center for Financial Research and Analysis, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Fehlbuchungen seien das Ergebnis des Aktien-Booms der 90-er Jahre, als falsches Wirtschaften belohnt worden sei.
Den Kreis der Favoriten hat Schilit bereits eingegrenzt. Cisco Systems gehört ebenso dazu, wie AOL Time Warner. Cisco sei vor allem deshalb verdächtig, weil der Netzwerk-Spezialist sein Wachstum in erster Linie durch die Übernahme kleinere Unternehmen erreicht habe. Und der Medienkonzern AOL habe mit ähnlichen Kriterien bilanziert wie WorldCom, begründet Schilits. "Viele Leute sagen: die Zahlen sind zu schön um wahr zu sein", bestätigt Walter Casey, ein Analyst der Bank One Investement Advisors die Einschätzung Schilitis´.
Der Computerriese IBM steht dagegen auf der Negativ-Liste von Bill Fleckenstein ganz oben. Der Präsident des Investment-Hauses Fleckenstein Capital rechnet fest damit, dass Unstimmigkeiten in der Bilanz ans Licht kommen werden. Bereits im Februar war der Computerriese in die Kritik geraten, nachdem die "New York Times" Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Verkäufen von Tochtergesellschaften an den Netzwerk-Hersteller JDS Uniphase aufgedeckt hatte. Mit knapper Not habe der IBM-Vorstand die Investoren überzeugen können, indem er weitere Details aus dem Ergenbis offenbarte, berichtet Bloomberg.
Für Fleckenstein bedeutet das offenbar noch nicht das Ende der Fahnenstange. Er spekuliert auf neue Enthüllungen. Um von den dann fallenden Kursen zu profitieren, habe der Investor bereits in großen Stil Leerverkäufe getätigt, berichtet der Finanzdienst weiter. Weitere mögliche Kandidaten für einen Platz auf der Rangliste der Bilanztrickser seien für Fleckenstein auch die US-Firmen Mirant, Omnicom, Oracle und Qwest.
Für das vergangene Geschäftsjahr mussten bereits 158 US-Firmen ihre Zahlen korrigieren, berichtet Bloomberg weiter. Damit erreichen die Bilanz-Berichtigungen in diesem Jahr eine neue Rekordsumme, wie die New Yorker Stern School of Business in einer Studie feststellte. Allein der WorldCom-Skandal habe nach Expertenschätzungen zu einem Gesamtschaden für Investoren in Höhe von rund 150 Milliarden US-Dollar geführt.
Und in der Zukunft dürfte es nicht viel besser aussehen: "Viele Prognosen für das zweite Halbjahr sind einfach unrealistisch", glaubt Chuck Hill von Thomson First Call. Während die Erträge seit fünf Quartalen fallen, glauben US-Unternehmen weiterhin an wachsende Einkommen für den Rest diesen Jahres. Unternehmen, die in einer solchen Situation Gewinnwarnungen vermeiden wollten, würden unweigerlich in die Zwangslage geraten, ihre Bilanzen polieren zu müssen.
Robert Willens, Direktor von Lehman Brothers Holdings, fordert deshalb eine noch strengere Überwachung der Zahlenwerke. "Die Unternehmen müssen ihre Glaubwürdigkeit wieder erlangen." Bis dahin sei es aber ein langer Weg.
© SPIEGEL ONLINE 2002
Traumtaenzer in der heilen Boersenwelt
Von Andreas Hoose
Eine interessante Umfrage hat der TV-Boersensender
n-tv kuerzlich veroeffentlicht: Danach glauben 70 Prozent
der Fondsmanager, dass der aktuelle Baerenmarkt noch in
diesem Quartal zu Ende gehen wird; 30 Prozent sind der Meinung, dass den Baeren spaetestens Mitte 2003 das Fell ueber die Ohren gezogen wird - und nicht ein einziger (!) unter den Befragten kann sich vorstellen, dass die
Boersenschwaeche ueber das Jahr 2003 hinaus reichen koennte. Als waschechter Antizykliker fuehle
ich mich in der Gesellschaft von null Prozent der Aktienstrategen durchaus wohl...
Auch der Itzehoer Aktienclub vertritt in seinem juengsten Rundbrief eine derzeit recht populaere Meinung: Seit der Flaute von 1938 bis 1942 hat es keinen einzigen Zeitraum mehr gegeben, in dem die wichtigsten Boersen
laenger als drei Jahre in Folge gefallen waeren. Fuenf Jahre spaeter haetten die Maerkte nach einer derartigen Durststrecke stets hoeher notiert als vorher. Schlussfolgerung
der cleveren Strategen: Da einiges dafuer spricht, dass die Aktienmaerkte 2002 tatsaechlich das dritte Jahr in Folge mit einem Minus abschliessen werden, koenne man, eine Aufholjagd von fuenf Jahren voraus gesetzt, jetzt
wieder mit einer jaehrlichen Rendite von 17 Prozent kalkulieren. Sollten die Boersen die alten Hoechstkurse in der bevorstehenden Hausse erst nach zehn Jahren erreichen, seien den Anlegern Renditen von acht Prozent pro
Jahr sicher.
Heile Boersenwelt also? Nicht ganz. Ein wichtiges Argument wird dabei naemlich unter den Teppich gekehrt, und ich wundere mich wirklich, warum gestandene Boersenexperten darueber in schoener Regelmaessigkeit
hinwegsehen: Noch nie in der Geschichte der Boersen haben die Kurse nach einem zwei- oder gar dreijaehrigen Baerenmarkt ausgerechnet dann zu einer Aufholjagd angesetzt, wenn das Bewertungsniveau der marktbreiten
Indizes ueber dem historischen Durchschnitt gelegen
hat. Baerenmaerkte, zumal solche des gegenwaertigen Kalibers, endeten ausnahmslos dann, wenn die Bewertungen der marktbreiten Indizes auf ein im historischen Vergleich unterdurchschnittliches Niveau abgerutscht
waren. Auch die durchaus bekannte Tatsache, dass kapitale Baeren die Gewinne des vorangegangenen Bullenmarktes gerne vollstaendig ausradieren, wird geflissentlich verschwiegen. Verstaendlich ist das durchaus. Wer
moechte sich schon einen Index-Stand beim Dow Jones von 4000 Zaehlern vorstellen - und dazu noch die Folgen fuer die Boersen weltweit? Die niedrigen Zinsen, die statt dessen gerne ins Feld gefuehrt werden, aendern an
diesen Fakten leider gar nichts.
Immer wieder wurde in den vergangenen Wochen auch die
Hoffnung genaehrt, die Anleger haetten jetzt endlich kapituliert. Der V-Dax als Massstab der Volatilitaet wird bemueht, um diese These zu untermauern. Nach Meinung einiger Experten liegt ein Kaufsignal vor, wenn dieser
Indikator Werte von 50 oder mehr aufweist. Notiert der V-Dax dagegen bei weniger als 20, solle man aussteigen. Wenn Boerse nur immer so einfach waere.
Leider hat die Sache naemlich mehrere Haken: Einmal behalten derartige Regeln nur so lange ihre Gueltigkeit, so lange sich nur eine geringe Zahl von Anlegern daran orientiert. Mittlerweile findet sich allerdings kaum noch eine
ernsthafte Boersenpublikation, die sich nicht ausfuehrlich mit dem VDAX beschaeftigen wuerde.
Je mehr Investoren aber einsteigen, nur weil der Volatilitaets-Index dies angeraten erscheinen laesst, desto wirkungsloser wird das Ganze.
Auch der Boersencrash von 1987 scheint bei den Analysten der heutigen Generation vollstaendig vergessen zu sein - sonst wuerde sich mancher seine Worte vielleicht noch einmal ueberlegen. Angeblich sind Werte von 50
beim Vola-Index deshalb ein zuverlaessiger Indikator fuer demnaechst steigende Kurse, weil vergleichbare Werte zuletzt waehrend der Asienkrise 1998 und unmittelbar nach den Anschlaegen des 11. September aufgetreten
waren. Wer aber weiss, dass der Indikator im Oktobercrash von 1987 auf sagenhafte 175 Zaehler katapultiert wurde, der wird sich bei einem Stand von 50 oder 54 noch ganz entspannt zuruecklehnen.
Die pessimistische Stimmung unter den Anlegern wird zur
Zeit ebenfalls gerne als "Beweis" zitiert, dass die Talfahrt nun ihr Ende gefunden habe. Das gefluegelte Wort von der Kapitulation macht die Runde. Interessanterweise hat im Anschluss an starke Verlusttage bislang jedoch in
schoener Regelmaessigkeit eine heftige Erholung der Kurse eingesetzt, verbunden mit einem voelligen Stimmungswandel. Das alles, wohlgemerkt, innerhalb weniger Tage.
Meiner Ansicht nach wird die viel beschworene Kapitulation
voellig anders aussehen. Wenn es endlich soweit ist, wohl erst in ein paar Jahren, dann wird niemand auch nur auf die Idee kommen, die Frage zu stellen, ob das nun das lang ersehnte Ereignis war, oder nicht. Es wird so
offensichtlich sein, dass man unmoeglich darueber hinwegsehen kann. Niemand wird einem Engagement in
Aktien auch nur ein Fuenkchen Hoffnung geben. Der Tenor wird vielmehr lauten: "Finger weg von der Boerse". Und vor allem wird die Stimmung unter den Anlegern nicht schon nach wenigen Tage wieder leicht euphorische
Zuege annehmen.
Die Feststellung, dass sehr viele Anleger derzeit noch guter Dinge sind, ist beileibe nicht aus der Luft gegriffen. Gefahren fuer die Boersenkurse gehen vielmehr vom nach wie vor extrem hohen Investitionsgrad der US-Anleger
aus. Sehen wir uns dazu einige Zahlen an:
Auf dem Hoehepunkt der vergangenen Hausse, im Februar 2000, hatten Investoren in den USA fuer die Rekordsumme von 55 Milliarden US-Dollar Fonds-Anteile gekauft. Es war der hoechste bis dahin registrierte Wert. Im
ersten Quartal des gleichen Jahres war die unglaubliche Summe von 140 Milliarden US-Dollar in Fonds geflossen. Zum Quartalsende betrug das gesamte Fondsvolumen in den USA stattliche 4,5 Billionen US-Dollar; davon
waren 4,0 Billionen allein waehrend der 90er Jahre von den Fondsmanagern eingesammelt worden. 4,5 Billionen US-Dollar entsprachen zum damaligen Zeitpunkt rund 30 Prozent der Marktkapitalisierung aller US-Unternehmen.
Heute, gut zweieinhalb Jahre spaeter, ist die Summe der gehaltenen Fondsanteile auf 3,0 Billionen US-Dollar geschrumpft, repraesentiert jetzt aber 37 Prozent der Boersenkapitalisierung in den USA.
Aufschlussreich sind diese Zahlen vor allem dann, wenn man
sie mit dem letzten grossen Baerenmarkt Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts vergleicht. Seinerzeit besassen US-Anleger Fonds-Anteile im Wert von 56 Milliarden US-Dollar - also in etwa die Summe, die allein im
Februar 2000 in Aktienfonds geflossen war! Am Ende des Baerenmarktes waren davon noch 31 Milliarden US-Dollar uebrig. Beide Werte entsprachen damals etwa fuenf (!) Prozent der US-Marktkapitalisierung.
Auf dem Hoehepunkt der Aktienhausse des Jahres 1973 gab
es in den Vereinigten Staaten 365 Fonds. Bis zum Ende der
Korrektur waren davon noch 314 uebrig. Am Ende des Jahrzehnts existierten noch 288 Fonds. Die Zahl der Anleger schrumpfte im gleichen Zeitraum von elf Millionen in Zeiten der Euphorie ueber zehn Millionen am Ende der
Baisse bis auf rund 7,2 Millionen am Ende des Jahrzehnts.
Ganz anders das Bild in unseren Tagen: Im ersten Quartal 2000 existierten in den Vereinigten Staaten 4000 Aktienfonds. Heute sind es 4800. Die Zahl der Anlegerkonten kletterte im gleichen Zeitraum von 154 Millionen auf 169
Millionen.
Zwei Schlussfolgerungen lassen diese Zahlen zu: Zunaechst
ist festzustellen, dass die Zahl der Anleger sowie die Summe der gehaltenen Fondsanteile in den USA zum heutigen Tag alles bisher da gewesene in den Schatten stellt. Es braucht nicht viel Phantasie, sich auszumalen, was
passiert, wenn auch nur ein kleiner Teil dieser Investoren sich dazu entschliesst, Fondsanteile zu verkaufen. Ein massiver Kurseinbruch waere die Folge.
Zum Zweiten ist es sehr erstaunlich, dass die Anzahl der Fonds sowie die Zahl der Aktionaere in den zurueckliegenden Jahren ausgepraegter Boersenschwaeche stark zugenommen hat. Das bekannte Argument, diesmal sei
"eben alles anders", und Anleger wuerden trotz der Kursverluste auf ihren Aktienpaketen sitzen bleiben, sollte man sich besser nicht zu eigen machen. Damit
sind schon ganze Boersianergenerationen auf die Nase gefallen. Eher schon legen die Zahlen den Verdacht nahe, dass die in diesen Tagen haeufig zitierte Angst in den Koepfen der Menschen eben doch keine so
dominierende Rolle spielt, wie das in den Medien gerne erzaehlt wird, jedenfalls noch nicht.
Und von "Kapitulation" kann ueberhaupt keine Rede sein.
Wenn die Maerkte ihren Boden endlich erreichen, werden
sich die Anleger scharenweise von ihren Fondsanteilen trennen. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhaeltnis marktbreiter Indizes wird einstellig werden, so wie das in der Vergangenheit am Ende eines Baerenmarktes
immer der Fall war. Wer dagegen den Boden beim S&P 500 beim derzeitigen KGV von etwas ueber 30 vermutet, der wird sich noch wundern.
Die geschilderten Fakten lassen fuer mich leider nur einen
Schluss zu: Der Baerenmarkt ist noch lange nicht zu Ende.
Die Börse steckt in der tiefsten Krise seit 1929. Trotz der Kursanstiege zum Wochenende herrscht Angst vor Deflation und einer Weltwirtschaftskrise. Alles ist möglich. Insbesondere die Erholung.
Dirk Müller hatte am Mittwoch die Faxen dick: "Ich kann die fallenden Kurse nicht mehr sehen." Der 33-jährige Kursmakler hatte bis vor kurzem seinen Arbeitsplatz unmittelbar vor der großen DAX-Anzeigetafel im Frankfurter Börsensaal, inzwischen ist er umgezogen. Zum Leidwesen der Pressefotografen. Müller war ihr Lieblingsmotiv. Als Börsenprofi in Jubelpose schaffte er es im März 2000 auf die Titelseiten der Tageszeitungen. Gelassenheit, Skepsis und zuletzt Verzweiflung waren danach in Müllers Gesicht abzulesen. Seit fast 32 Monaten fällt der DAX. Zum Allzeithoch am 7. März 2002 bei 8136 Punkten fehlten im Jahrestief am vergangenen Mittwoch rund 69 Prozent. Rund 760 Milliarden Euro Marktkapitalisierung sind verschwunden, fast ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2001. Fakten, die auch der fulminante Kursanstieg von knapp 15 Prozent in zwei Tagen nicht vergessen machen kann.
Der DAX bei 1000 Punkten - warum nicht? Nach unten scheint alles möglich, auch ein Sturz unter die 1000-Punkte-Marke, die am 20. Juni 1985 erstmals erreicht worden war. Die Monster-Baisse übertrifft alles, was auch ein alter Fuchs wie der Händler Hans-Werner Dort erlebt hat. Der 66-Jährige, ehemals Chef des Aktienhandels bei der Frankfurter Commerzbank und seit Mai 1957 auf dem Parkett, kann sich nicht an eine ähnliche Baisse erinnern: "Ich habe die Kuba-Krise, das Kennedy-Attentat und die Ölkrise miterlebt, aber das was wir jetzt an der Börse sehen, das kannte mein Vater aus den Zeiten der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929." In der Tat: Nur 1929 gab es nach dem Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems und der anschließenden Weltwirtschaftskrise einen Kursverfall, der den heutigen in Länge und Härte übertrifft. Damals fiel der US-Leitindex Standard&Poors 500 in 35 Monaten um rund 86 Prozent. Gewarnt hat auch dieses Mal kaum jemand. Einer der wenigen Börsenpropheten mit Weitblick war der US-Ökonom Robert Shiller. Der Professor aus Yale entlarvte Anfang 2000 die immens hohen Kurse als gewaltige Börsen-Blase. Shillers Messinstrument: das historische Kurs/Gewinn-Verhältnis der S&P-500-Unternehmen (siehe Grafik). Im Januar 2000 wurde für jede Aktie im US-Index im Schnitt fast das 44fache des Gewinns pro Aktie bezahlt. In den 40 Jahren vor dem großen Boom, der im Jahr 1996 begann, betrug dieser Wert im Schnitt etwa 15, vor dem Börsenkrach des Jahres 1929 rund 33. Shillers These: Die Blase wird platzen. Und danach folgen lange Jahre mit sinkenden Kursen. Der Ökonom behielt Recht. "Vor allem die Euphorie um das Internet und die Mobilfunkbranche hat die Indizes aufgebläht", sagt Berndt Fernow, Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg. Die Deutsche Telekom war im März 2000 rund 305 Milliarden Euro schwer. Heute liegen alle DAX-Werte zusammen bei 350 Milliarden. Die stürmische Entwicklung der Mobilfunk-Branche in den Jahren 1998 und 1999 ließ die Phantasien der Anleger aufblühen. Die Zuwachsraten wurden auch von Analysten einfach auf Jahre hochgerechnet, für die Aktien wurden entsprechend hohe Preise bezahlt. Die Rechnungen waren falsch: Heute wächst die Branche kaum noch.
Immer noch ist der Markt damit beschäftigt, die Trümmer der Luftschlösser beiseite zu räumen. Viele Unternehmen etwa verschuldeten sich in der Hausse-Phase hoch. Beispiel Telekoms: Die enormen Summen für die UMTS-Lizenzen wurden auch deshalb gezahlt, weil man glaubte, sich problemlos an der Börse Geld beschaffen zu können. Jetzt frisst der Schuldendienst die Gewinne auf, für Investitionen bleibt kaum etwas übrig. "Der Wachstumstreiber der Boomjahre, war die Telekom-Branche, ist jetzt weitgehend ausgefallen", stellt Fernow fest. Ein neuer Wachstumstreiber ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Aus der Krise der Boom-Industrien, zu denen auch die Computer- und Software-Branche gehören, wird jetzt eine Krise der Banken und Versicherer. Firmenpleiten lassen Kredite platzen und schmälern die Ertragsbasis der Finanzinstitute. Die fallenden Aktienkurse schmelzen die Wertpapierbestände und damit die Substanz der Institute ab. Die Finanzwirtschaft zieht die Notbremse und wirft Papiere für Milliarden Euro auf den Markt, die Kurse fallen weiter.
Deflation heißt die Horrorvorstellung der Börsianer. Das hieße: Europa und die USA trudeln in eine Abwärtsspirale, wie sie Japan seit nunmehr fast 13 Jahren nach unten zieht. Wiederholt sich der Fall Japan in Deutschland, würden sich Anleger die Augen reiben angesichts solcher Kursstände: Der DAX nahe bei 1000, Siemens bei vielleicht neun, die Telekom bei vier Euro. Unmöglich ist das nicht: "Der DAX läuft seit März 2000 ähnlich wie der Nikkei nach dem Platzen der Immobilienblase", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der HypoVereinsbank. Aktuell drückt die Angst vor einem Konflikt im Irak zusätzlich auf die Kurse. Die Befürchtung: Ein steigender Ölpreis erhöht die Ausgaben der Haushalte und Unternehmen für die unverzichtbare Energiequelle, für Konsum und Investitionen bliebe noch weniger übrig. Die schwache Konjunktur, so die Angst, würde endgültig abgewürgt (Szenario 2). Inzwischen bewerten Börsianer die DAX-Unternehmen niedriger als die Summe ihrer Buchwerte, was einem DAX-Stand von 3000 Punkten entspräche. "Die Börse geht davon aus, dass entweder die Buchwerte nicht stimmen, oder dass die Unternehmen vor einer langjährigen Rezession stehen, die weitere Substanz kostet", erklärt Aktienstratege Fernow. "Der Markt preist derzeit eine Rezession ein, auch einen Krieg und steigende Ölpreise", ist die private Meinung von Kursmakler Müller. Treffen optimistischere Szenarien ein (siehe rechts), dann darf man die gegenwärtigen Kurse als Trading-Gelegenheit sehen. Immerhin wurden gegen Ende der Woche positive Nachrichten wie die Zahlen von Yahoo und Lufthansa nicht überhört, sondern in dicke Index-Gewinne verwandelt. Auch miese US-Konjunkturdaten verhinderten die Rally nicht. "Die Stimmung wird besser", glaubt Branchenbeobachter Fernow. Dirk Müller, der Mann mit dem ausdrucksstarken Minenspiel, ist nachdenklich: "Ich bin sicher, in zwei Jahren blicken wir auf den Oktober 2002 zurück und denken: Mann, waren wir blöd, DAX 2500, diese Chance konnte man doch nicht übersehen."
Szenario 1: Japan-Syndrom Es klingt wie das Drehbuch zu einem Horrorschocker für Anleger: Der DAX stürzt auf 1000 Punkte, die Aktien der größten deutschen Industrie-Unternehmen wie Siemens, DaimlerChrysler oder BASF werden zu einstelligen Kursen verhökert. Schlimmer noch: Wer glaubt, er könne sein Erspartes in Cash-Konten oder festverzinslichen Anleihen Marke "Bund" in Sicherheit bringen, muss ohnmächtig mit ansehen, wie die Zinsen Richtung Null fallen. Aus dem Albtraum gibt es kein Erwachen. Selbst ganz Vorsichtige, die in das eigene Häuschen investierten, stellen fest, dass es Woche um Woche ein bisschen weniger wert ist. Absurd? Unwahrscheinlich? Pessimisten verweisen auf die Parallelen der gegenwärtigen Lage zur japanischen Krise seit 1990.
Auch in Japan stand am Anfang ein geplatzter Traum. Der Glaube der Anleger in die Überlegenheit der eigenen Auto- und Elektronikmacht trieb den Nikkei-Index Ende der 80er-Jahre auf über 40000 Punkte, die Aktien von Firmen wie Sony oder Toyota wurden zu dreistelligen Phantasie-KGVs gehandelt. Mit Neid und Staunen verfolgte der Westen, wie Nippons Modell des konsensorientierten Staatskapitalismus scheinbar immer größeren Reichtum produzierte und Japan sich zur Wirtschaftsnation Nummer 1 aufschwang - bis die Blase platzte. Im Frühjahr 1990 erhöhte die japanische Notenbank überraschend die Zinsen. Preise und Kurse traten den umgekehrten Weg in eine offenbar endlose Abwärtsspirale an. Japans Konsumenten, die sich an der Börse oder mit Krediten auf ihre überteuerten Immobilien verzockt hatten, versuchten, durch Sparen ihre Vermögensverluste wieder wettzumachen. Doch der Ausgabenstreik der Bürger trieb die Wirtschaft noch tiefer in die Krise - ein Teufelskreis aus Preisverfall und Konsumverzicht. Heute steht der Nikkei bei unter 9000 Punkten. Japans Banken sitzen auf faulen Milliardenkrediten, für die faktisch zahlungsunfähige Unternehmen nie mehr aufkommen werden. Bereits 1991 entdeckte das Land seine ersten Enrons und Worldcoms. "Tobashi", fliegen lassen, nannten Japans Rechnungsprüfer die Methode, mit der Unternehmen ihre Verluste aus Aktiengeschäften in ausgegliederte Scheinfirmen versteckten.
Der fatale Abwärtsstrudel, von Ökonomen als Deflation bezeichnet, ist so etwas wie der Super-GAU der Wirtschaftspolitik. Natürlich versuchte die Notenbank, mit kräftigen Zinssenkungen gegenzusteuern. Doch die Geldverbilligung verpuffte ohne Wirkung. Geld parken die verunsicherten Japaner, auf bessere Zeiten hoffend, in Cash-Konten oder legen es im Ausland zu höheren Renditen an. Von Investitionen in die eigenen Unternehmen keine Spur. Auch die unzähligen Konjunkturprogramme der japanischen Regierung halfen bislang nichts. In ihrer Verzweiflung gaben Politiker sogar Einkaufsgutscheine an die Bevölkerung ab - ohne Erfolg. Steht Deutschland ein ähnliches Schicksal bevor? Wohl nur, wenn die gleichen Fehler wiederholt werden. Ökonomen sind sich einig, dass der Dauerpatient Japan an Reformschwäche leidet. Bis heute wurde es versäumt, im maroden Bankensystem aufzuräumen. Der Arbeitsmarkt ist überreguliert, teure Renten- und Sozialsysteme belasten die Unternehmen. Für die neue deutsche Bundesregierung kann es daher nur heißen: Ran an die alten Zöpfe, Japan vermeiden! Nur dann wird es hier zu Lande ein Happy End geben. Wahrscheinlichkeit 5%
Szenario 2: Der Rückfall Es war Anfang Januar, als Stephen Roach, Chefvolkswirt der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley, erstmals vor dem so genannten Double Dip warnte - und bei seinen Kollegen reichlich Spott erntete. Ein Rückfall in die Rezession, die doch erst Anfang dieses Jahres überwunden schien? Niemals, tönten seine Kollegen. Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet, es scheint, als könnte Roach Recht behalten. Immer mehr Volkswirtschaftler sehen gute Gründe, dass die US-Konjunktur abermals über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten schrumpft und damit eine zweite Rezession nach 2001, den Double Dip eben, erlebt. Der Rückschlag für die US-Konjunktur würde auch Europa und vor allem die Exportnation Deutschland treffen. "Die europäische Konjuktur ist abhängig von den Vereinigten Staaten und der Weltwirtschaft", konstatierte erst vor wenigen Tagen Stephen Roach. Soll heißen: Aus eigener Kraft schaffen die Euroländer den Aufschwung nicht, sie sind auf fremde Hilfe angewiesen. Für das Rezessions-Szenario sprechen unterschiedliche Aspekte. Zum einen statistische, denn Double Dips sind alles andere als ein seltenes Phänomen. Im Gegenteil: In fünf der vergangenen sechs Rezessionen gab es einen doppelten Abschwung, bevor sich die Wirtschaft nachhaltig erholte. Zum anderen gibt es handfeste Aspekte. Kopfzerbrechen bereitet die starke Abhängigkeit der US-Konjunktur von den hohen Konsumausgaben der amerikanischen Verbraucher. Schränken diese ihre Einkäufe ein, schlägt das viel stärker als in Europa auf die Konjunktur durch.
Es gibt einige Gründe zum Sparen. 2001 stagnierten die verfügbaren Einkommen erstmals seit 1990. Die Arbeitslosenrate ist auf 5,6 Prozent gestiegen, vor zwei Jahren waren es nur 4,0 Prozent. Die als Altersvorsorge angelegten Aktiendepots sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Dass die Amerikaner trotzdem nicht zum Sparen übergegangen sind, hat einen einfachen Grund. Dank der stark gestiegenen Immobilienpreise "fühlen" sie sich reich. Platzt diese so genannte Immobilienblase, weil die Nachfrage nachlässt, gibt es nur noch eins: Die US-Bürger müssen ihre Cents zusammenhalten - und treiben so die Wirtschaft in die Rezession. Das sind nicht die einzigen Unsicherheiten. Ein längerer Golfkrieg würde den Ölpreis und die Energiekosten nach oben treiben. Weitere Risikofaktoren sind die Angst vor neuen Terroranschlägen, die noch vorhandenen Überkapazitäten in vielen Industriebereichen und die hohe Verschuldung vieler Unternehmen, was wiederum auf die Investitionsfreudigkeit drückt. Das Positive: An den Aktienmärkten dürfte alles eingepreist sein. Sollte es zu einem Double Dip kommen, sieht die Investmentbank CSFB den US-Aktienindex S&P 500 bei 730 Punkten. Aktuell steht der S&P bei 834 Punkten. Was bedeutet der US-Double-Dip für den DAX? Nicht viel, denn "ein nochmaliger kurzzeitiger Konjunkturrückgang ist in den Kursen bereits enthalten", so Berndt Fernow von der Landesbank Baden-Württemberg. Wahrscheinlichkeit 45%
Szenario 3: Die Erholung Sie sind selten geworden, aber es gibt sie noch vereinzelt - die Optimisten. "Der Kurseinbruch am deutschen Markt ist übertrieben, eine Gegenreaktion nur noch eine Frage der Zeit", ist sich Wolfgang Schuhmann von Gebser & Partner sicher. Die Lage der Unternehmen sei bei weitem nicht so schlecht, wie es die aktuelle Stimmung an der Börse widerspiegele. "Dieses Jahr wird noch einmal bitter für die Konzerne", räumt der renommierte Vermögensverwalter ein. Doch der rückläufige Trend bei den Gewinnen werde 2003 drehen. "Die Konzerne treten derzeit brutal auf die Kostenbremse", so Schuhmann, einst Chef-Analyst bei der Deutschen Bank. Dies erfolge vor allem über Stellenabbau, allein die Telekom will mittelfristig rund 50000 Mitarbeiter einsparen. Zwar bleibe der Konsum schwach, das Wirtschaftswachstum mit Zuwachsraten zwischen 1,0 und 1,5 Prozent mäßig. "Doch selbst bei stagnierenden Umsätzen werden die Gewinne dank der Kosteneinsparungen deutlich anspringen", erwartet Schuhmann. Zudem kämen die Erträge von einem extrem niedrigen Niveau. Das Drehmoment in diesen Fällen sei oft gewaltig. "Gewinnsprünge von 25 bis 30 Prozent sind drin", so Schuhmann. Zarte Hoffnungsschimmer sind auch die Produktionszahlen und die Auftragseingänge in der Industrie, die im August überraschend anzogen. Was ist mit dem Vergleich mit Japan? Die deutschen Banken seien in puncto Eigenkapitalquote wesentlich besser gepolstert als die maroden Finanzinstitute in Japan, meint Schuhmann. Schlimmstenfalls stünden zudem die Notenbanken Gewehr bei Fuß. So versorgte 1982 die US-Notenbank die durch Immobiliengeschäfte in Schieflage gekommenen Sparkassen mit zinsgünstigen Krediten. Bei einer weiteren Verschärfung der Krise im deutschen Bankensektor seien zudem Fusionen oder Übernahmen wahrscheinlich, die zu einer Stabilisierung des Marktes beitragen würden.
Auch die Markttechnik spricht für die Kurserholung. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, die Anzahl der Leerverkäufe auf einem Rekordhoch, der Markt extrem überverkauft. Der DAX notiert 40 Prozent unter seinem 200-Tage-Durchschnittskurs, ein ungewöhnlich hoher Abstand. "Solche Übertreibungen wurden bisher immer korrigiert. Dies ist nur eine Frage der Zeit", so der Aktienexperte. Solange die Irak-Krise nicht eskaliert, sieht Schuhmann mittelfristig Erholungspotenzial im DAX bis 3500, im besten Fall sogar bis 4000 Punkte. Der langfristige Abwärtstrend sei dann allerdings immer noch intakt. Deshalb eigne sich der Markt derzeit nur für trading-orientierte Anleger. Wahrscheinlichkeit 50%
http://www.finanzen.net/news/news_detail.asp?NewsNr=88821&RubrikNr=315
F I N A N Z E N
Wir alle - finanzielle Analphabeten
Ersparnisse weg, Versicherungen unsicher, Rente gefährdet: In der Krise merken die Menschen, dass sie von Geld nichts verstehen. Und dass niemand ihnen hilft
Von Marc Brost und Marcus Rohwetter
Acht von zehn Deutschen rechnen immer noch in Mark statt in Euro. Sieben von zehn verstehen das gesetzliche Rentensystem nicht. Die meisten zahlen zu viel für ihre privaten Versicherungen.
Und Sie? Glauben Sie wirklich, sich mit Geld auszukennen?
Wenn die Lebensversicherer demnächst wieder Post verschicken, lesen es Millionen Kunden schwarz auf weiß: Es gibt einen Unterschied zwischen Garantiezins und Gewinnbeteiligung. Wer aber weiß, dass eine gekürzte Gewinnbeteiligung gleich mehrere zehntausend Euro ausmachen kann?
Wenn elf Millionen deutsche Aktionäre in diesen Tagen ihr Depot kontrollieren, sehen sie vor allem eines: rot. Kaum eine Aktie, die nicht abgestürzt ist, kaum ein Investmentfonds, der noch Gewinn abwirft. Binnen 18 Monaten wurden in Deutschland fast 600 Milliarden Euro Aktienkapital vernichtet. Verführt hat die Anleger der Werbespruch der Investmentgesellschaften, man müsse nur monatlich Fondsanteile kaufen, dann würden über die Jahre hinweg selbst schwere Kursschwankungen ausgeglichen. Ein teurer Irrtum. Verstehen wir tatsächlich, wie die Börse funktioniert?
Dabei ist Geld doch nur Papier, und es zusammenzuhalten gar nicht so schwer. Dachten wir. "Es gibt keine finanzielle Allgemeinbildung", sagt Jürgen Steiner, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Passau. "Nur Einbildung."
So ergeht es uns wie Analphabeten auf dem Bahnhof. Solange es Lautsprecherdurchsagen gibt und Schaffner uns den Weg weisen, finden wir den richtigen Zug - selbst wenn wir die Schilder nicht lesen können. Was aber, wenn die Lautsprecheranlage ausfällt? Wenn uns der Schaffner zum falschen Gleis schickt?
Erst in der Krise merken wir, wie abhängig wir von anderen sind. Dass wir uns selbst nicht helfen können. Weil wir Analphabeten sind: finanzielle Analphabeten.
Wer den richtigen Zug nicht gefunden hat, landet bei Menschen wie Wolfgang Römer. Der 66-Jährige war früher Richter am Bundesgerichtshof, heute ist er so etwas wie der offizielle Beschwerdeonkel der Versicherungskunden. Ombudsmann nennt sich Römer, und jeder, der mit einer Versicherung streitet, kann sich an ihn wenden. Bis zu tausend Leute im Monat schreiben oder rufen in seinem Berliner Büro an. Manchmal hat sie ihr Versicherungsvertreter falsch beraten, manchmal sträubt sich einfach nur der Sachbearbeiter in der Zentrale, ihnen zu helfen. Im Grunde aber haben die frustrierten Kunden alle das gleiche Problem: Sie durchschauen ihre Versicherung nicht. "Eine Versicherung", sagt Römer, "übersteigt den Verständnishorizont jedes Durchschnittsmenschen."
Das allein ist schlimm genug. Schlimmer ist, dass es den Menschen bei allen anderen Finanzprodukten genauso geht. Weil inzwischen niemand mehr durchblickt: Turbo-Bull-Zertifikate, Click-Optionen, Schatzbriefe Typ A oder B, Dynamik-Garant-Fonds und unzählige Varianten der Riester-Rente - wer kennt da noch die Details?
Dabei sollten wir alle den Durchblick haben. Unbedingt. Da die gesetzliche Rente nicht mehr ausreicht, muss jeder privat vorsorgen. Was in Deutschland lange Zeit nur Gedankenspiele waren, wird jetzt bittere Realität: Die staatlichen Rentenreserven sind so niedrig wie nie, die Regierung erhöht die Rentenbeiträge, die Opposition ruft "Wahlbetrug!", und die meisten Bürger verstehen nur, dass sie heute mehr zahlen und künftig weniger haben werden. Wer kann schon in einem Satz erklären, was die Beitragsbemessungsgrenze ist? Die Probleme fangen gerade erst an.
Vielen Menschen fehlen die Voraussetzungen, um Geld auch nur ansatzweise zu verstehen. Vor Einführung des Euro tourte ein Student mit dem Infomobil der EU-Kommission durchs Land, um die Deutschen über die neue Währung zu informieren. "Es war schon schwierig, ihnen die Faustregel zu erklären, dass ein Euro etwa zwei Mark sind", sagt er.
Mit Zahlen, sagt Gerhard Rupprecht, hätten viele Anleger und Verbraucher nichts am Hut. Der Mann muss es wissen: Rupprecht ist Mathematiker - und Vorstandschef der Allianz Lebensversicherung. Mehr als neun Millionen Policen verantwortet der 53-Jährige, so viel wie kein anderer in Deutschland. "Man muss kein Genie sein, um zu verstehen, wie eine Lebensversicherung funktioniert", sagt er. "Ein gewisses Verständnis für Zins und Zinseszins reicht schon aus." Aber wer hat das tatsächlich? "Es gibt Abiturienten, die können nicht mal Prozentrechnen", sagt Rupprecht.
Wie viel Prozent muss eine Aktie zulegen, um 50 Prozent Verlust wieder auszugleichen? 50? Falsch! Es sind 100.
Wir leben in einer Welt, die in vielen Bereichen ziemlich kompliziert geworden ist - und dennoch scheitern die Verbraucher fast ausschließlich in der Disziplin Geld. Beispiel Autokauf: Die technischen Details von Achtzylinder und Fünfganggetriebe verstehen die wenigsten. Dennoch treffen sie meistens die richtige Wahl. Ein Ehepaar mit zwei Kindern und Hund schafft sich einen Kombi an und kein Sportcoupé. "Ein Auto kauft man eben nur für die nächsten vier oder fünf Jahre", sagt Jan Evers von der Hamburger Finanzforschung Evers & Jung, "eine Lebensversicherung dagegen rechnet sich erst nach 30 Jahren". Und wer kann diesen Zeitraum schon überblicken?
Weil Geld ein Tabuthema ist, können wir uns auch nicht gegenseitig helfen. Über Geld spricht man nicht einmal in der Familie. Nur die wenigsten wissen, was ihre Eltern genau verdienen. Oder wie diese ihr Vermögen aufgebaut und angelegt haben. Und anders als ein Auto ist der Umgang mit Geld auch kein Lifestyle-Thema, über das man auf Partys plaudert - es sei denn, man kokettiert mit Börsenverlusten. Ein Bausparvertrag passt eben nicht zu Canapés.
Im Idealfall müsste jeder Haushalt seine Finanzen genauso organisieren, wie das ein Unternehmen macht: mit einer Übersicht aller Einnahmen und Ausgaben und dem genauen Vermögensstand. Volker Looman weiß, dass die Realität anders aussieht. Viele seiner Kunden, erzählt der freie Finanzanalytiker aus Reutlingen, haben den Überblick über ihre Finanzen längst verloren. Und das wird zum Problem. "Bei der Geldanlage ist die ehrliche Selbsteinschätzung das Allerwichtigste", sagt Looman. Bloß: Wenn man nicht weiß, was man hat, weiß man auch nicht, was man braucht.
Falsche Freunde. Finanzielle Analphabeten brauchen Schaffner, die ihnen im Durcheinander des Bahnhofs den Weg weisen. Doch guter Rat ist Glückssache. Die meisten Finanzberater arbeiteten mit Standardkonzepten, haben die Forscher von Cap Gemini Ernst & Young ermittelt. Meist versuchten sie alles, um den Kunden andere als die von ihnen gewünschten Produkte zu verkaufen, heißt es in der Studie. Im Klartext: Man setzt uns alle in den gleichen Zug - und für viele ist es der falsche. "Die Anleger sind nicht wirklich aufgeklärt", sagt der Passauer Wirtschaftsprofessor Steiner. "Deshalb kann man sie auch so leicht über den Tisch ziehen."
Wie die Zahl der Finanzprodukte ist auch die Zahl der Verkäufer rasant gestiegen. 450 000 Versicherungsvertreter, weit mehr als 100 000 Berater bei Banken, Sparkassen und Finanzvertrieben wie MLP, AWD und DVAG - sie alle buhlen in Deutschland um Kunden, und sie alle wollen nur unser Bestes: unser Geld. "Das ist der Grundkonflikt", sagt Marco Habschick von der Finanzforschung Evers & Jung. "Man lässt jemanden für sich arbeiten, der von jemand anders bezahlt wird" - nämlich von der Bank oder Versicherung.
Natürlich gibt es auch gute Berater und individuelle Lösungen. Verhängnisvoll ist nur: Wenn die Sparer merken, dass die Beratung schlecht war, ist es meist zu spät. Weil der empfohlene Aktienfonds um 90 Prozent abgestürzt ist. Oder weil bei Auszahlung der Lebensversicherung bereits 30 Jahre vergangen sind.
Allerdings sind wir finanziellen Analphabeten an einer mangelhaften Beratung nicht schuldlos. Genau wie Leute, die nicht lesen können, geben wir unsere Schwäche ungern zu. "Die meisten Menschen fragen vor dem Vertragsabschluss nicht richtig nach", sagt Wolfgang Römer, der Ombudsmann für Versicherungen. "Fragen die Kunden aber doch, ist es so kompliziert, dass sie es nicht verstehen und dann nicht wagen, noch einmal nachzufragen. Oder der Vertreter erklärt es falsch, weil er es selber nicht weiß."
Selbst wer seine Schwäche eingesteht, kann den falschen Weg gezeigt bekommen. Denn finanzielle Analphabeten gibt es auch dort, wo man sie nicht vermutet: zum Beispiel in Banken. Wenige Wochen vor der Euro-Umstellung rief der Filialleiter einer süddeutschen Sparkasse einen ihm bekannten Finanzexperten an und bat ihn, seinen Mitarbeitern etwas zur Umrechnung zu erzählen. "Als ich hereinkam, saßen die alle hoffnungsvoll am Tisch mit aufgeklappten Notizblöcken", erinnert sich der Referent. "Die wollten tatsächlich wissen, ob die Menschen nach der Umstellung mehr oder weniger Geld haben. Ein Teil konnte nicht einmal den Dreisatz rechnen."
Finanzgurus wie Bodo Schäfer verdienen mit der Unwissenheit der Anleger viel Geld. Der Buchautor verheißt den Weg zur finanziellen Freiheit, verspricht Wohlstand ohne Stress und kennt Die Gesetze der Gewinner. Schäfer schaffte es damit bis in die Spitze der Bestsellerlisten. Endlich mehr verdienen, heißt sein neuestes Buch, doch der Guru, behauptet ein Konkurrenzverlag, soll in einem Kapitel kräftig abgeschrieben haben. Auch so verdient man mehr. Schäfer bestreitet die Vorwürfe.
Profiteure des Unglücks. Unfähig, unsere Fehler einzusehen, suchen wir die Schuld am liebsten bei anderen. Zum Beispiel bei Managern, die Bilanzen schönen und mit windigen Zahlen tricksen. Als ob wir die Zahlen verstanden hätten, wenn sie korrekt gewesen wären. Jetzt sollen uns die Gerichte zurückgeben, was uns die Börse nahm - und dabei riskieren wir noch mehr Geld. Wer ein 50 000-Euro-Verfahren in allen Instanzen verliert, muss mit Kosten von mehr als 25 000 Euro rechnen.
Enttäuschte Kleinaktionäre sind für Anwälte eine lukrative Klientel. Die hierzulande noch junge Gruppe der Anlegeranwälte zeichnet sich vor allem durch professionelle Öffentlichkeitsarbeit aus. Einen Namen hat sich die Kanzlei Rotter aus Grünwald oder Tilp & Kälberer aus Kirchentellinsfurt bei Tübingen gemacht. Kaum ein Unternehmen, das noch nicht auf Schadenersatz verklagt worden ist: Der Filmrechtehändler EM.TV, andere Neue-Markt-Firmen wie Metabox oder Infomatec, aber auch Dax-Schwergewichte wie die Deutsche Telekom. Ende vergangener Woche verklagte Rotter - laut Eigenwerbung die "Kanzlei für Wertpapieranleger" - im Namen von 150 Anlegern den ehemaligen Comroad-Chef Bodo Schnabel wegen Bilanzfälschung.
Auch die Juristen der Anlegerschutzvereine gehen gern an die Öffentlichkeit. Der wohl prominenteste unter ihnen ist Klaus Nieding, Rechtsanwalt aus Frankfurt, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und Präsident des Deutschen Anlegerschutzbundes (DASB). In seiner Pressemitteilung vom 27. Juni 2002 verweist "der renommierte Anlegervertreter" (Selbstauskunft) auf angeblich steigende Erfolgschancen seiner zahlreichen Prozesse gegen eine Schweizer Privatbank: "Millionenklagen gegen Julius Bär offenbar gerechtfertigt" - dabei hatte das Gericht den Parteien bloß nahe gelegt, einen Vergleich zu schließen.
Die Hoffnung vieler Anleger, Gerichte würden ihnen zurückgeben, was ihnen die Börse nahm, wird oft enttäuscht. Beispiel Infomatec: 50 Euro kostete die Aktie der Softwarefirma zu Spitzenzeiten am Neuen Markt, heute sind es 5 Cent - Kursverlust 99,9 Prozent. Weil die beiden Vorstände Aufträge nur vorgetäuscht haben sollen, sprach das Landgericht Augsburg im vergangenen Sommer einem Anleger knapp 100 000 Mark Schadenersatz zu. Die Entscheidung, von der Kanzlei Rotter erstritten und prompt als "Meilenstein im über hundertjährigen deutschen Aktienrecht" bezeichnet, war zwar tatsächlich neu - nie zuvor konnte ein Aktionär die Führungsriege eines Unternehmens persönlich haftbar machen. Aber vor wenigen Wochen kippte das Oberlandesgericht München das Urteil; nun muss der Bundesgerichtshof entscheiden.
Amerikas Albtraum. Finanzielle Analphabeten gibt es überall. Weil Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten nicht ausreichend vorsorgen, können sie ihren Lebensstandard nicht halten, wenn sie in Rente gehen. Aber: In den USA wird dieses Problem wenigstens öffentlich diskutiert. Bereits Ende der neunziger Jahre warnte der damalige Chef der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, Arthur Levitt, die finanzielle Bildung zu vernachlässigen. Diese Ignoranz könne noch "sehr gefährlich" werden. Und in diesem Mai bestätigte das National Summit on Economic and Financial Literacy - das landesweit erste Gipfeltreffen zu diesem Thema - die böse Ahnung: Die amerikanische Durchschnittsfamilie hat 8000 Dollar Konsumschulden; 14 Prozent des verfügbaren Einkommens gehen allein für Zinsen drauf. Jeder zehnte Student mit eigener Kreditkarte steht mit mehr als 7000 Dollar in der Kreide.
Nichtkommerzielle Organisationen wie Financial Literacy 2010 (FL 2010)wollen vor allem die Lehrer an den Schulen finanziell weiterbilden. Mehr als 40 000 von ihnen hat FL 2010mit Unterrichtsmaterial versorgt, rund 9000 Lehrer besuchen Seminare über die Grundlagen des Sparens und die Präsentation von Finanzthemen im Unterricht. So wollen sie ändern, dass 78 Prozent der Amerikaner zwar die Namen von TV-Serienfiguren kennen, aber nur 12 Prozent den Unterschied zwischen einem Investmentfonds mit und ohne Ausgabeaufschlag. Es ist ein Langzeitprojekt. "Das dauert eine Generation", sagt Lewis Mandell, Professor an der University at Buffalo School of Management, bis sich neue Lehrmethoden im Schülerverhalten widerspiegeln.
Und die Arbeit ist mühsam. In Multiple-Choice-Tests bittet Mandell die Schüler amerikanischer Highschools regelmäßig, die richtigen Antworten anzukreuzen: Welche Probleme bringt Inflation mit sich? Welche Versicherung hilft bei einem Autounfall? Das Ergebnis der diesjährigen Umfrage: "From bad to worse" - die Schüler werden immer dümmer. Im Durchschnitt wussten sie gerade mal auf jede zweite Frage die korrekte Antwort.
Das Fatale: Selbst in einem Land mit vorwiegend privater Altersvorsorge interessiert sich kaum jemand für den richtigen Umgang mit Geld. Der Anteil der US-Schüler, die Kurse in persönlicher Finanzplanung belegen, sinkt.
Vielleicht hilft da ja die Wirtschaftskrise. "Die Menschen werden gezwungen, mit weniger Geld mehr zu erreichen", sagt Lewis Mandell. Rezession macht klug.
Deutsches Dilemma. In Deutschland gibt es zur Hoffnung keinen Grund: Finanzielle Allgemeinbildung ist kein Thema, niemand fühlt sich zuständig.
Der Staat? Verpflichtet seine Bürger zur privaten Altersvorsorge, kümmert sich aber nicht um die Information. "In unseren Prospekten müssen wir den Menschen erst einmal ausführlich erklären, was sich in der gesetzlichen Rentenversicherung künftig ändert", sagt Allianz-Leben-Chef Rupprecht. "Die Politik vernachlässigt ihre Aufgaben."
Die Schulen? Sind weit davon entfernt, "allen Schülern eine ökonomische Grundbildung als Teil einer zeitgemäßen Allgemeinbildung zu vermitteln", kritisiert Reinhold Weiß vom Institut der deutschen Wirtschaft. Dabei gibt der Staat jedes Jahr rund 40 Milliarden Euro für Bildung aus: zum Beispiel für Biologiebücher, Landkarten und die Gehälter von Kunstlehrern. Nur für den Umgang mit Geld ist kein Geld da.
Zwar stellen in den kommenden Jahren fast alle Bundesländer ihre Lehrpläne um. An Hamburgs Gymnasien etwa wird von 2003 an in den Klassen 8 bis 10 das neue Fach Politik/Gesellschaft/Wirtschaft zur Pflicht. Aber das ist bloß ein kleiner Fortschritt. "Integrierte Fächer sind nur die zweitbeste Lösung", sagt Ulrike Lexis von der Bertelsmann Stiftung. An dem neuen Fach hat Wirtschaft eben nur einen Anteil von einem Drittel. Und wie groß daran dann der Anteil der finanziellen Bildung sein könnte, ist offen. "Ohne die private Lebenssituation mit einzubeziehen - etwa als Konsument oder Steuerzahler -, wäre das eine blutleere Veranstaltung", kritisiert Hans Kaminski, Professor am Institut für ökonomische Bildung der Universität Oldenburg.
Können ein paar Schulstunden im Halbjahr einem Jugendlichen tatsächlich helfen, seine Finanzen irgendwann optimal zu regeln? Bewahren sie ihn davor, sich später von Beratern und falschen Freunden ausnehmen zu lassen? Schützen sie ihn vor einem Alter in Armut?
Wichtig ist: dass wir uns eingestehen, finanzielle Analphabeten zu sein. Dass wir Hilfe brauchen, um uns irgendwann selbst helfen zu können. Finanzielles Grundwissen ist das Minimum, damit wäre schon viel erreicht. Nie einen Fehler zu machen bleibt eine Illusion. Wenn es um Geld geht, scheitern selbst Profis.
Die Ego-Falle. Natürlich gibt es Menschen, die das staatliche Rentensystem verstehen. Die einen exakten Überblick über ihre Finanzlage haben. Und die sehr gut wissen, dass ihr Bankberater vor allem die Interessen seines Arbeitgebers im Blick hat. Auch sie können irren.
"Wissen allein schützt nicht", sagt der Züricher Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr. Auch ein Alkoholiker weiß im Grunde, dass Alkohol nicht gut für ihn ist - und trinkt dennoch. Weil Ungeduld oder Willensschwäche unser Handeln beeinflussen. "Selbst wenn die Menschen die besten Mittel kennen, sind sie manchmal nicht in der Lage, diese Mittel auch anzuwenden", sagt Fehr. Zwei Drittel der US-Bürger glauben, dass sie fürs Alter zu wenig vorsorgen, heißt es zum Beispiel in einer Studie der Investmentbank UBS Warburg. Mehr als ein Drittel will daher mehr sparen. Fragt man jedoch einige Monate später nach, haben die wenigsten mehr Geld auf die Seite gelegt.
In Experimenten und Simulationen erforschen Ökonomen wie Fehr seit langem, warum sich sogar gebildete Menschen im Wirtschaftsleben kurzfristig anders verhalten, als es ihren langfristigen Interessen entspricht. Das hat mehrere Gründe: Wir alle sind zu sehr von uns überzeugt - overconfidence nennen das die Wissenschaftler. 70 Prozent der Autofahrer sagen von sich, dass sie überdurchschnittlich gut fahren. 90 Prozent der Fondsmanager behaupten, dass sie den Vergleichsindex schlagen. Kaum einem gelingt es wirklich. Weil wir glauben, dass wir besser sind als andere, halten wir zum Beispiel an unserer Investmentstrategie fest - obwohl längst nichts mehr für dieses Investment spricht.
Doch zu lernen fällt uns schwer. Manchen Fehler mögen wir begreifen, aber wenn die Ausgangslage beim nächsten Mal nur ein wenig anders aussieht, erkennen wir das Muster nicht mehr wieder. Und handeln erneut entgegen dem eigenen Interesse.
Als der amerikanische Aktienindex Dow Jones noch kletterte und nahezu jeder Aktien und Fondsanteile kaufte, befragte ein Forscherteam private Fondsbesitzer. Was würden Sie tun, wenn der Dow Jones bei 8000 Punkten steht und plötzlich um fünf Prozent fällt? Jeder Siebte gab an, keine neuen Fondsanteile zu kaufen. Zweite Frage: Was würden Sie tun, wenn der Index um 400 Punkte fällt? Da wollten fast doppelt so viele aufhören zu investieren - obwohl der Absturz des Dow identisch war. Gleiche Situation, ganz anderes Verhalten.
Rationaler Umgang mit Geld ist eine Seltenheit. Deshalb wiederholen sich am Aktienmarkt seit Jahrhunderten die Übertreibungen, Fehleinschätzungen und Exzesse. Deshalb spekulierten die Niederländer 1637 mit Tulpenzwiebeln, bis diese so viel kosteten wie ein Einfamilienhaus. Deshalb konnte ein findiger Brite Anfang des 18. Jahrhunderts Tausende Menschen dazu bringen, sich an seiner wirren Idee finanziell zu beteiligen - der "Gesellschaft zur Durchführung eines überaus nützlichen Unternehmens, das aber noch niemand kennt". Und deshalb stürzten sich viele Tausende Kleinaktionäre noch im Jahr 2000 ins Abenteuer Neuer Markt, obwohl bereits damals das Bundeskriminalamt vor "Straftaten im Umfeld des Kapitalanlagebetruges" warnte.
"Finanzgenie ist man nur bis zum Bankrott", spottet der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith. "Es ist eine trügerische Vorstellung, Geld und Intelligenz müssten miteinander einhergehen."
(c) DIE ZEIT 45/2002
Für diesen erstklassigen Artikel gibts Karma...:)
Ich möchte alle lesefaulen User aufforden die ersten Artikel von Kapital sorgfältig zu lesen. Ich finde die genannten Argumente sehr stichhaltig.
Das gilt ganz besonders für bullish eingestellte User.
LordLangzahn
15.11.2002, 14:35
das ist so schon korrekt, die Frage ist nur wann tritt denn das Worst-Case-Scenario eines Zusammenbruchs (an Märkten, gegebenen Krediten und der amerikanischen VW) ein?
Ich glaube kaum, dass es dazu so schnell kommen wird. Vorher werden noch ein paar Kreditrahmen erhöht, ein paar Kredite verlängert und der endgültige Crash wird sich wohl noch viel Zeit nehmen.
Ich denke das könnte durchaus innerhalb der nächsten 10 Jahre möglich sein.
Für langfristige Anleger ist das ein relevanter Zeitraum.
@Auge,
ohne die Bullen wären die Kurse aber ganz am Boden ;-)
Die Analysten behaupten ständig alle wären sehr pessimistisch und deswegen sei der Boden gefunden. Das ist falsch.
So lange es nach fallenden Kursen immer eine technische Gegenreaktion gibt, solange ist auch niemand richtig bearish eingestellt. Richtige Bären kaufen keine Aktien.
Deswegen werden die Kurse bald ganz am Boden sein.
Die USA leben nur noch von ausländischen Investoren und statistischen Tricks.
Sollte der Dollar fallen oder Investoren ziehen Ihre Gelder in den USA ab geht es sehr schnell hart bergab.
Alle Argumente kannst Du in den Postings von Kapital und BigAl nachlesen.
Nachdem ich das gelesen habe sehe ich keine Gründe mehr warum die Kurse nachhaltig steigen sollten...
Auch glaube ich nicht dass das Worst-Case-Szenario noch sehr weit entfernt ist.
Dawnrazor
11.09.2003, 12:55
14. Kommerzielle Werbung
Kommerzielle Werbung wird auf Aktienboard.com nicht geduldet. Wenn Sie kommerzielle Werbung schalten moechten, so wenden Sie sich bitte an unser Marketing Team. Findet sich ein entsprechendes Posting in einem Forum, so wird es durch das ModeratorInnen-Team ohne Ankündigung gelöscht. Gleiches gilt für entsprechende Links in der BenutzerInnen-Signatur und im -Profil.
http://www.aktienboard.de/vb/misc.php?s=&action=nettiquette
Wo ist denn hier Werbung? :confused: