DAX rutscht wieder ab – Plant die EZB ein zweites „Whatever it takes“?

Die Börsen bleiben im Bann des Coronavirus und die Situation weiter unübersichtlich. Es ist mittlerweile einfacher, Länder zu finden, die bislang von einer Ausbreitung nicht betroffen sind, als Staaten, die nun auch auf der Liste der Betroffenen stehen. Die Nerven bei den Anlegern liegen blank. Die starken Gewinne im Dow Jones vom Mittwoch wurden gestern nahezu vollständig wieder pulverisiert.

Die jetzt angekündigten finanziellen Hilfsmaßnahmen machen deutlich, wie ernst Notenbanken und Regierungen die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie einschätzen. Ob sie allerdings ausreichen werden, eine Rezession in wichtigen Teilen der Welt zu verhindern, ist fraglich. Letzten Endes hängt alles davon ab, wie schnell die Ausbreitung des Virus gestoppt werden kann.

Der amerikanische Fed-Vertreter Kaplan deutete gestern an, dass man die Zinssenkung um 50 Basispunkte außerhalb der ordentlichen Offenmarktauschusssitzungen durchführte, um die Stimmung zu beeinflussen. Wenn man ob des begrenzten Handlungsspielraums geldpolitisch aktiv werde, dann gleich richtig und mit vollem Einsatz, so der Notenbanker.

Das ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, was die Europäische Zentralbank plant. Es könnte ein zweites “Whatever it takes” von der EZB geben. Der Euro ist gegenüber dem US-Dollar das erste Mal seit Frühjahr 2018 über seine 50-Wochenlinie gestiegen. Derart große technische Wendepunkte sind in der Vergangenheit oft Punkte gewesen, die eine geldpolitische Intervention ausgelöst haben. Die EZB ist nicht an einem starken Euro interessiert, da er den europäischen Export gerade jetzt lähmt. Sie könnte also in den nächsten Stunden oder über das Wochenende aktiv werden und gegen den stärkeren Euro intervenieren.

Zurzeit will keiner Aktien haben. Das aber sind genau die Zeiten, die in der Vergangenheit am interessantesten waren. Einstiegschancen gab es oft dann, wenn niemand mehr Aktien haben wollte. Die Frage ist, ob die Börse jetzt schon an einem solchen Punkte angelangt ist. Der Dow Jones brach gestern im laufenden Handel um fast 1.000 Punkte ein. Für sich betrachtet sieht das dramatisch aus, aber aus technischer Sicht wurde damit lediglich eine Bodenbildung von vergangenem Freitag bestätigt.

Der amerikanische Chiphersteller AMD ließ gestern verlautbaren, dass man in China keine Störung der Lieferkette mehr sehen kann. Es habe zwar eine Unterbrechung durch das verlängerte Chinesische Neujahr gegeben, diese sei aber beendet. AMD behält seine Prognosen für das Gesamtjahr 2020 bei. Auch für das laufende Quartal rechnet man damit, die Umsatzerwartungen erfüllen können, setzt die Prognose aber jetzt am unteren Ende der Spanne an.

Trotz fallendem US-Dollar und der Bereitschaft der OPEC, die Fördermengen um 1,5 Millionen Barrel täglich zu senken, steht der Ölpreis weiter unter Druck. Heute wird die OPEC ihren Vorschlag über die Fördermengenkürzung Russland und den anderen Mitgliedern der OPEC+ vorlegen. Erst wenn hier Einigkeit herrscht, können tragfähige Beschlüsse gefasst werden. Sollte Russland nicht mitmachen, könnten sich weniger Mitglieder tatsächlich an die Fördermengenkürzung halten, weil eine solche automatisch Marktanteile an Russland und die USA abgeben würde – möglicherweise sogar dauerhaft.

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Jochen Stanzl ist Chef-Marktanalyst bei CMC Markets in Frankfurt. Davor war er über 15 Jahre bei der BoerseGo AG als Finanzmarktanalyst tätig und hat unter anderem die Portale GodmodeTrader, Jandaya und die Investment- und Analyseplattform Guidants mit aufgebaut und als erfolgreiche Kanäle in der deutschen Trading-Community etabliert. Sein analytischer Fokus liegt auf der Kombination aus technischer und fundamentaler Analyse von Währungen, Rohstoffen, Anleihen und der weltweiten Aktienmärkte.

 

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