Good bye oder Good Buy?

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

soll man sich nach den jüngsten Kursstürzen an den Aktienmärkten von der Börse verabschieden – also „Good bye“ sagen – oder haben wir schon wieder Schnäppchenkurse erreicht und sollte man daher wieder einsteigen – also „Good buy“ sagen?

Gespaltene Leserreaktion angesichts der Marktsituation

Die Reaktion unserer Leser ist gespalten. Langfristig ausgerichtete Anleger, z.B. meines Geldanlage-Briefs, fragten mich in der vergangenen Woche mehrfach, ob jetzt die Zeit zu ersten neuen Käufen gekommen sei. Ihre Reaktionen auf die teilweise historisch einmaligen Abschläge – Euro STOXX 50 und STOXX Europe 600 – verzeichneten die schwersten prozentualen Verluste ihrer Geschichte – waren erstaunlich gelassen.

Andere, kurzfristiger orientierte Börsianer, die offenbar auf dem falschen Fuß erwischt wurden, haderten dagegen mit dem Markt und wollten ihm zum Teil den Rücken kehren.

Die Antwort auf die Frage „Good Bye oder Good Buy“ ist nicht so einfach. Wie ich meinen Lesern vom Geldanlage-Brief geschrieben habe: Natürlich mag es manchem in den Fingern jucken, bei einem DAX-Stand von 10.000 Punkten zuzugreifen. Aber wenn Sie auch mit diesem Gedanken spielen, dann sollten Sie den folgenden Chart aufmerksam betrachten:

DAX-Intradaychart 12.-16.03.2020

Good bye, 10.000-Punkte-Marke!

Der DAX ist am Donnerstag mit Vehemenz – und einer riesigen Kurslücke – unter die 10.000-Punkte-Marke gefallen. Gut, das kann man angesichts der allgemeinen Panik noch als Übertreibung abtun. Doch am Freitag gab es dann die erste nennenswerte Gegenbewegung seit Langem – aber der DAX scheiterte ausgerechnet an diesem wichtigen runden Niveau!

Normalerweise hätte man erwartet, dass eine solche psychologisch bedeutsame Unterstützung umkämpft ist, selbst wenn sie wie dieses Mal erst einmal aufgegeben wurden musste. Aber bereits beim ersten Test dieser Marke haben die Bullen gekniffen. Und tatsächlich: Gestern fiel der DAX sogar auf neue Tiefs und notierte schon fast 16 % unter diesem wichtigen Niveau – und sogar kurz vor den Hochs von 2000 und 2007 (grüne Linie). Also 10.000 Punkte – good bye!

Was bedeutet das? Die Investoren haben sich offenbar bereits damit abgefunden, dass der DAX bei 5-stelligen Kursen zu teuer ist – sonst hätten sie die 10.000er Marke nicht kampflos aufgegeben. Aber hat nicht Sven Weisenhaus erst am Freitag schrieben, dass der DAX bei den aktuellen Kursen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10,2 schon wieder unterbewertet ist?

Unterbewertet oder nicht?

Tja, aber nur unter der Voraussetzung, dass man dieser Angabe auch trauen kann. Und genau daran habe ich so meine Zweifel. Die Helaba, die diesen Wert veröffentlicht hat, bezieht sich dabei auf die üblichen Analystenschätzungen für die kommenden 12 Monate, die aus den einschlägigen Finanzinformationssystem von Thomson Reuters oder Bloomberg stammen.

Ich habe das mal überschlagen: Am 6. Februar lag demnach das DAX-KGV bei 14,4 und der DAX stand bei 13574,82 Punkten. Daraus errechnet sich ein (hypothetischer) „Gewinn pro Aktie“ für den DAX von 942,70 Euro. Am 12. März stand der DAX dagegen bei 9161,13 Punkten und soll besagtes KGV von 10,2 gehabt haben. Dann läge der „Gewinn pro Aktie“ bei 898,15 Euro.

Die Analysten haben also die DAX-Gewinne seitdem und angesichts der Corona-Krise um sage und schreibe 4,7 % reduziert. Für den S&P 500 kommt man nach der gleichen Methode auf ein Minus von 0,4 % (sic!), das die Analysten bisher berücksichtigt haben. Diese Größenordnung für den S&P 500 fand ich durch andere Quellen bestätigt. Und nun frage ich Sie: Halten Sie diesen (geringen) Gewinnrückgänge für realistisch? Oder kommt doch noch was? Und wenn da noch was kommt, also der Gewinn noch weiter sinkt, steigt auch wieder das KGV.

Gewinnrückgang vs. Nachholeffekte

Bleiben wir beim DAX: Den Kursverlauf vom Freitag – das Scheitern an der 10.000-Punkte-Marke interpretiere ich so, dass die Investoren mit Gewinneinbußen der DAX-Unternehmen rechnen, die eben keine 5-stelligen Kursniveaus mehr rechtfertigen. Falls sie die DAX-Bewertung von Anfang Februar als fair ansahen, dann haben sie jetzt also Gewinnabschläge in Höhe der Kursverluste (ca. 30 %) eingepreist.

Die Frage ist also: Welcher Gewinnrückgang ist für den DAX in der Corona-Krise realistischer – 4,7 % oder 30 %? Aktuell sieht es so aus, als würden die Vorsichtsmaßnahmen mindestens einen Monat anhalten. Und selbst, wenn dann tatsächlich alles vorbei ist, dürften die Nachwirkungen dafür sorgen, dass die Konjunkturerholung zunächst noch gedämpft verläuft.

Die Nachholeffekte, auf die viele Ökonomen und Anleger hoffen, sind zudem mit Vorsicht zu genießen. Wie formulierte es ein Kollege neulich: Ausgefallene Flüge kann man nicht aufholen und nicht getrunkenes Bier kann man nicht nachtrinken (obwohl ein anderer Kollege sich anbot, letzteres zumindest zu versuchen…).

Was preisen die Börsianer da ein?

Und je länger die Einschränkungen dauern und je drastischer sie werden, desto größer werden die Negativeffekte. Hinzu kommen womöglich unerwünschte Nebenwirkungen: Firmen können durch Umsatzausfälle in die Insolvenz rutschen, vor allem wenn sie hoch verschuldet und/oder leistungsschwach sind.

Dann drohen unter Umständen auch den Banken Probleme, vor allem in Europa. So erreichten im jüngsten Crash mit der Deutsche Bank, der Commerzbank, der italienische UniCredit und der Schweizer CreditSuisse gleich 4 europäische Banken neue Allzeittiefs! Alle 4 Banken gehören zu den schwächsten ihrer Zunft. Die Charts der beiden deutschen Vertreter sehen wie Insolvenzcharts aus. Was preisen die Börsianer da ein?

Die Fed zeigte einen leichten Anflug von Panik

Übrigens scheint auch die Fed in leichter Panik zu sein. So stellte sie die unglaubliche Summe von 1,5 Billionen (!) Dollar für die Finanzmärkte, also vor allem die Banken, zur Verfügung (wie Sven Weisenhaus bereits am Freitag berichtete). Und am Sonntag senkte sie zum zweiten Mal in Folge außerhalb ihrer regulären Meetings die Zinsen – nach einem halben Prozentpunkt Anfang März nun sogar einen ganzen Prozentpunkt. Und dabei folgt bereits am Dienstag/Mittwoch das turnusmäßige FOMC-Meeting.

Diese Eile – die vermutlich die Märkte beruhigen sollte – ist ungewöhnlich. Anders als von der Fed vielleicht erhofft, brachen die Kurse daher gestern auch erneut ein. Die US-Futures mussten gestern Nacht nach nur wenigen Minuten Handelszeit bis zum Beginn des regulären Handels erneut ausgesetzt werden – und kurz danach ebenfalls wieder. Die US-Indizes verloren in der Folge mehr als 10 %. Es sieht also nicht so aus, als sei die Krise bald vorbei – der DAX steht fast wieder auf seinem Niveau von 2000 bzw. 2007, also bei gut 8.000 Punkten!

Genug der Schwarzmalerei!

Aber nun habe ich genug Teufel an die Wand gemalt! Natürlich gibt es eine Reihe von Negativszenarien, zu denen auch eine neue Finanzkrise gehört. Doch warum sollte es jetzt noch dazu kommen? Nachdem auch die USA dem Virus zum Opfer gefallen sind, ist die Ausbreitung über Ländergrenzen hinweg faktisch weltweit beendet. Schlimmer kann es also nicht werden, auch wenn in den Medien manchmal ein anderer Eindruck entsteht

Sicherlich, in den USA werden die Fallzahlen ebenfalls weiter steigen, und man kann nur für die betroffenen Menschen hoffen, dass durch die beschlossenen Maßnahmen jedem die notwendige Unterstützung zukommt. Aber letztlich sind die Entwicklungen in Europa eine Blaupause für das, was auch auf die USA zukommt.

Erste Erfolge bei der Pandemieeindämmung sollten die Börsen antreiben

Das ist aber inzwischen relativ klar absehbar. Italien z.B. kann schon Erfolge durch seine drastischen Maßnahmen vorweisen. Die ersten Gebiete in Norditalien, die Ende Februar abgeriegelt wurden, konnten innerhalb von drei Wochen die Neuinfektionen auf Null bringen.

In Deutschland werden die Maßnahmen vielfach noch immer eher als Zumutung empfunden und daher nach Möglichkeit ignoriert. Erstaunliche Einsicht legen jedoch nicht nur die Italiener an den Tag, sondern auch die US-Bürger und viele -Unternehmen. So hat Warren Buffets Holding Berkshire Hathaway bereits jetzt das erst im Mai stattfindende jährliche Aktionärstreffen abgesagt – bekanntlich ein Wallfahrtstermin für viele Buffett-Jünger. Die Veranstaltung wird also ohne Publikum stattfinden und nur im Internet übertragen.

Bei einer solche allgemeinen Disziplin dürften auch die USA bald mit der Pandemie durch sein. Und weil die Börse Zukunft handelt, ist es sehr wahrscheinlich, dass die ersten Anleger bald auf eine Entspannung der Lage setzen. Das wird vor allem dann der Fall sein, wenn Italien als eine Art Testlabor für die verhängten Maßnahmen weitere Erfolge vorweisen kann und sich die Lage auch in anderen großen Ländern zu gegebener Zeit bessert. China scheint zumindest – gemessen an den seit längerem rückläufigen Fallzahlen – bereits Erfolg zu haben.

Wenn erst der Impfstoff kommt…

Den nächsten Schub wird die Entwicklung eines Impfstoffs bringen – der anders als bei SARS 2003 und Ebola 2014 – diesmal sicherlich auch fertig entwickelt und produziert wird. Denn damit lässt sich nicht nur eine zweite Welle verhindern oder zumindest massiv entschärfen. Anders als in früheren Fällen sind derzeit nicht nur irgendwelche „armen“ Länder betroffen, für welche die Pharmakonzerne die teuren Investitionen scheuen. Diesmal lockt ein Riesengeschäft, wie die am Wochenende in Umlauf gebrachte Nachricht zeigt, dass Donald Trump angeblich eine deutsche Biotech-Firma kaufen wollte.

Auch wenn die Tests und Freigaben sowie Produktion, Verteilung und Einsatz noch Monate dauern dürften, wie Experten betonen – allein eine entsprechende Erfolgsmeldung wird die Börsen wieder aus der Krisenstimmung befreien. Zudem besteht die Möglichkeit, dass existierende Medikamente, die schneller einsatzbereit sind, in der Zwischenzeit zumindest die schlimmsten Folgen mildern können. Auch das hat sofort positive Effekte auf die Wirtschaft und damit auf die Börsen!

Trotzdem werden wir vermutlich nach dieser Pandemie keine dynamisch wieder anspringende Konjunktur erleben. Die Rückkehr zur Normalität wird eine Weile dauern und etliche Menschen und Unternehmen dürften dieses Ereignis als Zäsur erleben – Insolvenzen inklusive.

Gewinner und Verlierer der Krise

Doch in jeder Krise gibt es nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Insolvente Unternehmen machen Platz für Newcomer, denen sie zuvor einfach nur den Weg versperrt haben. Wenn „Zombiefirmen“ verschwinden (Firmen, die nur noch durch immer neue, immer billigere Kredite am Leben erhalten werden), ist das volkswirtschaftlich kein Verlust, sondern ein Gewinn. Diese Firmen blockieren schließlich Mittel, die unproduktiv statt für wachstumssteigernde Investitionen eingesetzt werden.

Auch manche alte Regel könnte dabei geändert werden. So dürften viele Unternehmen und Nutzer, die nun notgedrungen Videokonferenzen nutzen, diese Art der Kommunikation bisher eher skeptisch oder gar ablehnend gesehen haben. Viele davon könnten aber durch die neuen Erfahrungen auf den Geschmack gekommen sein – zumal Videokonferenzen auch eine hervorragende Möglichkeit bieten, Kosten zu senken. Das wird in den nächsten Monaten ein wichtiges Ziel der Unternehmen sein!

Neue Regeln, neue Profiteure

Anbieter für professionelle Videokonferenzen könnten also von der Corona-Krise auch langfristig profitieren. Aber auch andere Technologieunternehmen bieten innovative Lösung, um Kosten zu sparen oder die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft gegen globale Schocks zu erhöhen. So dürften die Unternehmen ihre Risikomanagementsysteme überarbeiten, um z.B. allzu komplexe Lieferketten zu entwirren, die durch bestimmte Ereignisse in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Es muss ja nicht immer gleich eine Pandemie sein – mitunter reichen schon Unwetter, um Lieferanten oder ganze Länder zeitweilig außer Gefecht zu setzen. So könnte auch fast beiläufig die Akzeptanz für andere klimafreundlichen Technologien wachsen, die es bisher noch schwer haben.

Und nicht zuletzt die Biotech-Branche dürfte auch langfristig von der Suche nach einem Impfstoff profitieren – schließlich werden bei solchen Prozessen im Hintergrund viele neue Erkenntnisse gewonnen, die oft anderswo gewinnbringend eingesetzt werden können.

Krisen eröffnen Chancen – nutzen Sie sie!

Wie alle Krisen zuvor schon, so birgt also auch diese Krise eine Reihe von Chancen. Nicht alle sind schon absehbar und manche vermeintliche Chance wird sich als Luftschloss entpuppen. Aber als langfristig orientierter Anleger sollten Sie sich dennoch nun allmählich daran machen, nach den Chancen zu suchen und nicht wegen eventueller Verluste hadern oder gar die Flinte ins Korn werfen.

Jetzt ist also definitiv kein Zeitpunkt für den Abschied von der Börse (Good bye). Vielleicht ist es auch noch nicht der richtige Zeitpunkt zum Kaufen (Good buy). Aber allzu fern ist dieser Zeitpunkt nicht mehr. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Erfolg – und in den nächsten Wochen alles Gute für Sie und Ihre Lieben, vor allem natürlich Gesundheit!

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

(Quelle: www.stockstreet.de)

Sven Weisenhaus ist Chefredakteur des renommierten Börsen-Newsletters Börse-Intern, der vom bekannten Börsen-Portal Stockstreet.de herausgegeben wird. Er schreibt dort auch die Analysen des „Target-Trend-Spezial“ - einem börsentäglichen Dienst, der den DAX und andere Indices nach der berühmten Target-Trend-Methode analysiert.

www.stockstreet.de

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