Neue Formationen im DAX

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Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

vielleicht haben Sie sich auch schon gewundert: Während in allen drei großen US-Indizes Unsicherheits-„Trompeten“ zu erkennen sind, die wir in der Börse-Intern schon mehrfach erwähnt haben, fehlt eine solche Formation im DAX. Bisher jedenfalls – denn das könnte sich nun geändert haben.

Eine perfekte Unsicherheits-„Trompete“

So richtig verständlich ist das Fehlen einer „Trompete“ auf den ersten Blick nicht, denn die Unsicherheiten, welche die US-Indizes offenbar bewegen (Handelsstreit, Gewinnerosion der Unternehmen, Zinsängste usw.) gelten zweifellos in vergleichbarer Weise auch für Deutschland. Trotzdem war von einer Unsicherheitsformation nichts zu sehen – und zwar aus einem bestimmten Grund.

Schauen wir dazu den aktuellen DAX-Chart an:

DAX - Tageschart seit Dezember 2018

Mit dem Rücksetzer der Vorwoche hat sich nicht nur die Schwäche bestätigt, die zum Verfallstag zu erwarten war (siehe Wie trübe sind die Aussichten für den DAX zum Verfallstag?), sondern es hat sich auch ein markantes neues Tief gebildet (siehe grüne Pfeile). Und mit den beiden markanten Hochs dieses Jahres (siehe rote Pfeile) ergibt sich dadurch mittlerweile eben doch eine perfekte Unsicherheits-„Trompete“ (grau schattiert)!

Unsicherheit? Nein, die Bären waren sich sehr sicher!

Allerdings ist diese deutlich kleiner als in den US-Indizes, wo die Trompeten bis Anfang 2018 zurückreichen. Der DAX lief im gleichen Zeitraum dagegen in einem stabilen Abwärtstrend (rot). Und das ist auch der Grund, warum es bisher zu keiner Unsicherheits-Trompete kam: Für den DAX und die deutschen Unternehmen waren die Anleger also keineswegs im Unklaren über die weitere Entwicklung. Hier war ihre Einschätzung klar negativ, was z.B. aufgrund der Probleme in der konjunkturbestimmenden Automobilindustrie im vergangenen Jahr auch wohlbegründet war (Stichwort: Abgasbetrug und nachfolgende Umstellung der Testbedingungen).

Seit Anfang 2019 kam es aber – im Zuge der allgemeinen starken Gegenreaktion der Aktienmärkte nach dem Einbruch von Ende 2018 – zu einer starken Erholung. Dabei gelang dem DAX schließlich der (vorläufige) Ausbruch aus dem übergeordneten roten Abwärtstrend – wenn auch nur mit einiger Mühe.

Die zwischenzeitlichen Rückfälle in den roten Kanal sowie die genannten fundamentalen Unsicherheiten, insbesondere die Rezessionsängste, lassen die Anleger nun offenbar zweifeln, ob der DAX wirklich schon reif für einen nachhaltigen Ausbruch ist. Während der Optimismus der Bullen die Kurse schon ein paar Mal kräftig nach oben katapultieren konnte, schafften es die Bären aber immer wieder, sie erneut nach unten zu drücken.

Wie der jüngste Kursverlauf die Unsicherheit offenbart

Symptomatisch für dieses Hin und Her ist die aktuelle Kursentwicklung: Anfang August fiel der DAX abermals zurück in den roten Abwärtstrend, und das sogar äußerst dynamisch. Doch statt – wie danach zu erwarten war – noch tiefer in den roten Trend abzutauchen, kam es zu einer schnellen Umkehr, wodurch sich sogar ein neuer Aufwärtstrend ausmachen ließ (grüne Linien). Doch dieser hielt nicht lange, denn der Kurs scheiterte schon an der grünen Zone und fiel wieder zurück in den roten Kanal – wie erwähnt unter Bildung eines neuen, tieferen Tiefs.

Und nachdem der Verfallstag in der Vorwoche sicherlich auch seinen Teil zu diesem Rückfall beigetragen hat, sprang der DAX gestern wieder deutlich nach oben – wobei dabei auch ein typischer Nach-Verfallstagseffekt eine Rolle gespielt haben könnte: Die Put-Stillhalter, die sich mit zusätzlichen Shorts über Future absicherten, müssen diese nun auflösen.

Allerdings hat auch dieser Rückprall noch keine Entscheidung gebracht: Der Kurs hängt genau im Kreuzwiderstand aus Abwärts- und Aufwärtstrend (siehe gelbe Ellipse), so dass weiterhin alles möglich ist. Unsicherheit in Reinkultur, also!

Nun ist wirklich (fast) alles möglich!

Und passend dazu gibt es derzeit gleich eine ganze Reihe möglicher weiterer Szenarien: So kann natürlich einfach der alte Abwärtstrend wieder aufgenommen werden, was sicherlich für den Fall zu erwarten ist, dass die Anleger mit einer längeren oder hartnäckigeren Rezession der deutschen Wirtschaft rechnen.

Eine andere Möglichkeit ist die Fortsetzung des grünen Aufwärtstrends. Diese Alternative ist für mich jedoch am unwahrscheinlichsten, denn dieser Trend offenbart einige Schwächen: Abgesehen von dem jüngsten Rückfall aus diesem Trend wurde zuvor auch dessen Oberkante nicht mehr erreicht (siehe rechter roter Pfeil). Das spricht für ein baldiges Ende bzw. eine geringe Relevanz dieses Trends.

Für wahrscheinlicher halte ich daher eine Fortsetzung der Unsicherheits-Trompete. Das würde allerdings bedeuten, dass der DAX demnächst deutlich steigt – und sogar eine neues Jahreshoch erreicht (aber nicht mehr bis zur oberen grünen Linie läuft, sondern vorher wieder zurückfällt). Beides erscheint bei der aktuellen Stimmungslage etwas zweifelhaft, aber gerade die schlechte Stimmungslage könnte als antizyklischer Indikator für eine merkliche Erholung des DAX sorgen.

Schließlich braucht der Kurs nur über das jüngste Zwischenhoch (waagerechte blaue Linie) steigen, um den Bullen wieder Hoffnung zu machen und Auftrieb zu geben. Denn oberhalb dieser Linie wären wichtige bearishe Signale neutralisiert (z.B. Rückfall in den roten Kanal und unter die grüne Zone). Die Bären müssten dann davon ausgehen, dass der jüngste Einbruch eine erneute Bärenfalle war.

Unklare Aussichten – auch aus übergeordneter Sicht

Und um das diffuse Bild des DAX abzurunden: Wer nicht an ein neues Jahreshoch im Rahmen der Unsicherheits-Trompete glaubt, kann natürlich auch auf eine Seitwärtsbewegung zwischen der hellgrünen und der waagerechten roten Linie (bzw. den etwas höher gelegenen Jahreshochs) setzen oder auch auf die Fortsetzung der Kursbewegung innerhalb eines neuen, kleineren Abwärtstrends, z.B. zwischen den gestrichelten blauen Linien.

Als wäre das alles nicht schon verwirrend genug, ergeben sich aus den einzelnen Varianten auch noch unterschiedliche Schlussfolgerungen aus übergeordneter Sicht, wie es dann mit dem DAX weitergehen könnte. Aber dazu mehr, wenn sich eine dieser Varianten genauer abzeichnet.

Bis dahin kann man nur die kurzfristigen Kursbewegungen aufmerksam beobachten: Wenn der DAX wieder zur Schwäche neigt, also an der grünen Zone bzw. der oberen roten Abwärtstrendlinie nach unten abprallt und die heutige Kurslücke schließt, könnte schon die Fortsetzung des roten Abwärtstrends drohen. Wenn er dagegen sein aktuelles Kursniveau hält und mit dem Überwinden des heutigen Tageshochs tiefer in die grüne Zone steigt, erhöhen sich die Chancen für eine weitere Erholung. Dementsprechend lassen sich dann auch wieder erste Trades eingehen.

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

(Quelle: www.stockstreet.de)

Sven Weisenhaus ist Chefredakteur des renommierten Börsen-Newsletters Börse-Intern, der vom bekannten Börsen-Portal Stockstreet.de herausgegeben wird. Er schreibt dort auch die Analysen des „Target-Trend-Spezial“ - einem börsentäglichen Dienst, der den DAX und andere Indices nach der berühmten Target-Trend-Methode analysiert.

www.stockstreet.de

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