Darum könnten EZB und BoJ noch abgewartet haben

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In vorangegangenen Ausgaben der Börse-Intern hatte ich wiederholt über gesunkene Gewinnerwartungen berichtet. In den USA war man Ende Juni für die Unternehmen aus dem S&P 500 sogar von sinkenden Gewinnen im 2. und 3. Quartal 2019 gegenüber dem jeweiligen Vorjahreszeitraum ausgegangen (siehe „Gesunkene Erwartungen lassen sogar sinkende Gewinne erwarten“). Und für das Gesamtjahr wurde lediglich noch ein Gewinnwachstum von ca. 2 % prognostiziert, wie die folgende Grafik der Berenberg-Bank aus der Börse-Intern vom 17. Juli zeigt.

Erwartungen an das Gewinnwachstum
(Quelle: Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG) aktuelle Gewinnwachstumserwartungen

Diese Grafik zeigt aber auch, dass das Gewinnwachstum in Deutschland, der Eurozone und Europa nicht viel höher liegen soll – in Deutschland zum Beispiel bei weniger als 5 %. Und auch für diese drei Regionen wurden die Gewinnerwartungen im laufenden Jahr kontinuierlich zurückgenommen. So zeigt die entsprechende Vergleichs-Grafik aus der Börse-Intern vom 3. Mai (siehe „Darum geraten wir aktuell wieder in die Situation vom Herbst 2018“), dass die Wachstumserwartungen damals in allen genannten Regionen noch ein Stückchen höher lagen – für Deutschland zum Beispiel deutlich über 5 %:

Gewinnerwartungen 2019 und 2020
(Quelle: Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG) Gewinnwachstumserwartungen von Anfang Mai

Und zum Jahresbeginn waren die Analysten noch optimistischer, wie die folgende Grafik aus der Börse-Intern vom 29. Januar zeigt – für Deutschland lagen die Gewinnerwartungen damals zum Beispiel noch bei fast 10 %.

Erwartungen an das Gewinnwachstum 2019
(Quelle: Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG) Gewinnwachstumserwartungen von Ende Januar

Die Gewinnwartungen sind also im Jahresverlauf 2019 immer weiter gesunken. Und inzwischen haben wir es folglich auch schon mit einer wachsenden Vielzahl an Gewinnwarnungen und Gewinnrevisionen von Seiten der Unternehmen zu tun, wie auch die folgende Grafik der Helaba zeigt.

DAX vs. Gewinnrevisionen

Gleichzeitig zeigt diese Grafik – am Beispiel des DAX – dass sich zwischen der Kursentwicklung der Aktienmärkte und der Gewinnentwicklung eine Schere aufgetan hat. Auch auf diesen Umstand hatte ich hier bereits wiederholt hingewiesen.

Die Schere zwischen Aktienkurs- und fundamentaler Entwicklung ist weit geöffnet

Eine ähnliche Schere tut sich zwischen der Entwicklung der Aktienkurse und der Konjunkturdaten auf. Dazu schrieb ich am 25. Juni bei Betrachtung des zum dritten Mal in Folge gesunkenen ifo-Geschäftsklimaindex, dass man sich die Frage stellen muss, „ob der diesjährige Anstieg des DAX noch gerechtfertigt ist“.

Und weiter: „Zwar gilt der DAX als Vorläufer der Wirtschaft, doch die Wirtschaftsdaten wollen dem deutschen Leitindex einfach nicht folgen. Immerhin hat dieser bereits Ende 2018 sein Tief markiert. Das ist nun sechs Monate her. Langsam müssten auch die Wirtschaftsdaten nach oben drehen, damit zwischen dem DAX und den Konjunkturdaten kein allzu großer zeitlicher Verzug herrscht. Zumal der ifo-Index ja eigentlich auch ein Frühindikator ist und er dem DAX eigentlich wesentlich schneller folgen sollte.

Inzwischen wissen wir allerdings, dass der ifo-Geschäftsklimaindex auch im Juli gesunken ist (siehe Börse-Intern vom 25. Juli). Und dass der Stimmungsindikator gewöhnlich einen hohen Gleichlauf mit dem DAX hat, dieser Gleichlauf aktuell aber stark gestört ist, zeigt sehr eindrucksvoll die folgende Grafik der Helaba.

DAX vs. ifo-Geschäftsklimaindex

Nicht ohne Grund titelte ich daher in der Börse-Intern vom 5. Juli: „Der Markt gerät in eine Schieflage“. Zudem wissen Sie von mir bereits, dass es durch die gestiegenen Aktienkurse bei gleichzeitig sinkenden Gewinnen bzw. Gewinnerwartungen zu einer hohen fundamentalen Bewertung der Aktienmärkte gekommen ist (siehe u.a. „US-Aktien wieder so teuer wie im Herbst 2018“).

Zwischenfazit: Es sieht mau aus

Zusammengenommen lässt sich also sagen, dass es für die Wirtschaft, die Unternehmen und damit auch die Aktienmärkte derzeit eher mau aussieht. Zwar sind die Signale in DAX & Co. aktuell noch klar bullish, doch mit Blick auf die obigen Grafiken und die Saisonalität ist der Ausblick eben auch hier mau.

Haben wir das Schlimmste bald hinter uns?

Aber warum hat dann die Europäische Zentralbank (EZB) in der vergangenen Woche nicht bereits die Zinsen weiter gesenkt oder/und weitere Maßnahmen beschlossen? Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich auch hier auf eine Grafik der Helaba zurückgreifen:

Inflationserwartungen

Diese Grafik zeigt, dass die Inflation zwar aktuell mit sinkender Tendenz wieder unter dem Ziel der EZB liegt, die Inflationserwartungen der Märkte haben sich aber stabilisiert und jüngst sogar zugelegt. Und vielleicht wollten die Notenbankmitglieder um Mario Draghi deshalb erst die neuen Projektionen der EZB-Volkswirte im September abwarten.

Denn die Wirtschaftsdaten haben sich zwar jüngst weiter eingetrübt, die EZB sieht aber, glaubt man den jüngsten Aussagen Mario Draghis vom vergangenen Donnerstag, aktuell immer noch keine große Gefahr für eine Rezession in der Eurozone. Und sollte sich in den neuen Projektionen zeigen, dass sich die Erwartungen für die Wirtschaft und die Inflation aufhellen, dann könnte das Maßnahmenbündel, welches man seit der vergangenen Zinssitzung nun für den September erwarten darf, doch kleiner ausfallen als aktuell vermutet.

Abwartende Haltung der EZB könnte sich auszahlen

Die EZB hätte dann gut daran getan, noch etwas abzuwarten. Denn inzwischen scheint eine noch expansivere Geldpolitik mehr Nachteile als Nutzen zu haben. Und daher macht es wohl Sinn, die Geldpolitik nicht unnötig stärker zu lockern. Zumal es ja durchaus sein kann, dass wir mit den Unternehmensbilanzen zum 2. Quartal 2019 und den damit verbundenen Gewinnrevisionen schon die schlimmsten Nachrichten hinter uns haben werden. Und das könnte dann auch ein Grund dafür sein, warum sich DAX & Co. trotz der sich eingetrübten Wirtschaftsdaten so positiv entwickelt haben.

Aber das sind aktuell noch eher sehr frühe Überlegungen, die Sie allerdings von der Börse-Intern und dem Stockstreet-Team kennen.

Die Notenbanken haben einen Richtungsschwenk vollzogen

Aktuell steht nur eines fest: Der Pfad der Notenbanken weg von einer expansiveren Geldpolitik wurde verlassen und der Weg zu neuen expansiven Maßnahmen geebnet. Denn nachdem die EZB in der vergangenen Woche die entsprechenden Signale gesendet hat, folgte inzwischen die Bank of Japan (BoJ), bevor heute  die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre Entscheidung bekanntgeben wird.

So hat die BoJ gestern früh (MESZ) zwar sowohl den Leitzins als auch das Ziel für die langfristigen Kapitalmarktzinsen bei -0,10 % bzw. 0,00 % belassen, die Notenbanker unterstrichen aber, im Falle einer weiteren Abschwächung der Konjunktur- und Inflationsdynamik zu weiteren geldpolitischen Lockerungen bereit zu sein. Damit folgte die BoJ 1:1 dem Beispiel der EZB, zumal sich auch die BoJ noch offen hält, welche geldpolitischen Instrumente im negativen Szenario konkret zum Einsatz kommen.

Edelmetalle könnten derzeit ein sicherer Hafen sein

Alle drei großen Notenbanken stehen damit inzwischen Gewehr bei Fuß, den Märkten über kurz oder lang wieder billigere Liquidität zur Verfügung zu stellen. Ob die Aktienmärkte davon angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung noch weiter profitieren können, bleibt abzuwarten. Wer aber davon profitieren könnte, sind Edelmetalle. Denn diese können gewöhnlich bei sinkenden Zinsen zulegen. Sowohl Gold als auch Silber sind bereits deutlich gestiegen und haben dabei sehr bullishe Signale gesendet. Und es ist mit weiter steigenden Edelmetallpreisen zu rechnen (siehe auch Börse-Intern vom 13. Juni). Dazu in einer kommenden Ausgabe der Börse-Intern noch mehr.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage
Ihr
Sven Weisenhaus

(Quelle: www.stockstreet.de)

Sven Weisenhaus ist Chefredakteur des renommierten Börsen-Newsletters Börse-Intern, der vom bekannten Börsen-Portal Stockstreet.de herausgegeben wird. Er schreibt dort auch die Analysen des „Target-Trend-Spezial“ - einem börsentäglichen Dienst, der den DAX und andere Indices nach der berühmten Target-Trend-Methode analysiert.

www.stockstreet.de

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