EZB: Anleger suchen und finden das Haar in der Suppe

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat gestern beinahe sämtliche Markterwartungen erfüllt. Sie springt der Wirtschaft mit einem ganzen Maßnahmenbündel bei. Erstens bleibt der Leitzins (für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte) erwartungsgemäß auf dem historisch niedrigen Niveau von 0 %. Zweitens werden die Anleihekäufe kräftig ausgeweitet. Bis zum Jahresende kauft die EZB zusätzliche Wertpapiere im Volumen von 120 Milliarden Euro, wobei es keine konkrete Aufteilung je Monat (bislang 20 Milliarden) gibt. Und drittens wird es für Banken neue Liquiditätsspritzen sowie günstigere Bedingungen für bereits geplante Liquiditätsgeschäfte geben, um den Kreditfluss an die Wirtschaft zu stützen. Dabei nimmt die Notenbank insbesondere kleinere und mittelgroße Firmen in den Fokus, die wegen der Virus-Krise in Bedrängnis geraten.

Anleger suchen sich das Haar in der Suppe

Einziges Manko: Der für die Banken relevante Einlagezins wurde nicht weiter abgesenkt. Hier hatte der Markt eine Reduzierung um 0,1 Prozentpunkte auf -0,6 % erwartet. Doch eigentlich ist dies eine positive Nachricht. Denn man hatte diesem Negativzins eher eine schädliche Wirkung unterstellt, insbesondere natürlich für die Finanzbranche. Und ob und inwieweit ein noch niedrigerer Einlagezins überhaupt dazu hätte beitragen können, die vom Coronavirus verursachten Probleme zu lösen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

In der aktuellen Stimmungslage werden jedenfalls sämtliche Nachrichten negativ interpretiert. Der Markt hatte eine Zinssenkung erwartet, er hat sie nicht bekommen, also gingen die Aktienkurse wieder auf Talfahrt.

Neben Aktien wurde auch der Euro verkauft

Gleiches gilt auch für den Euro. Da erwartet wird, dass die US-Notenbank ihren Leitzins schon auf der nächsten Sitzung erneut senken wird, die EZB aber gestern in dieser Hinsicht die Füße stillgehalten hat, dürfte sich die Zinsdifferenz der beiden Währungsräume reduzieren. Auch das eigentlich eine positive Nachricht – zumindest für den Euro. Doch der ging ebenfalls, nach einem kurzen Satz nach oben, auf Tauchstation. Die mögliche Überlegung der Märkte: Weil die EZB den Einlagezins nicht weiter gesenkt hat, erhält die Euro-Wirtschaft weniger Unterstützung, was dann schlecht für den Euro ist. Die positive Nachricht wurde also ignoriert, die negative für Verkäufe genutzt.

DAX erreicht eine interessante Fibonacci-Marke

Der DAX büßte dabei bis im Tagestief bei 9.139,12 Punkten vom Schlusskurs des Vortages (10.438,68) bis zu 1.300 Zähler bzw. satte 12,46 % ein – der helle Wahnsinn nach den zuvor bereits erfolgten Kursverlusten. Insgesamt belaufen sich diese nun vom Allzeithoch (13.795,24) bis zum gestrigen Tief auf 4.656,12 Punkte bzw. 33,75 %. Der DAX hat also ein Drittel seines Wertes verloren – binnen nur 18 (!) Handelstagen.

Analysen zum DAX, die sich auf Chartmarken im kurzfristigen Bereich beziehen, machen angesichts dieser Volatilität weiterhin kaum Sinn. Es hilft eher, das große Bild im Auge zu haben. Und da zeigt sich, dass der DAX inzwischen schon mehr als 38,20 % der Aufwärtsbewegung korrigiert hat, die begonnen wurde, als die Neuer Markt-Blase platzte und der DAX Anfang 2003 bei 2.188,75 Punkten sein Tief fand.

DAX - Chartanalyse

Nun lässt sich kaum vorhersagen, ob der DAX nicht auch noch die 50 %-Marke anläuft oder sogar 61,80 % der Wegstrecke aus den vergangenen Jahren zurückläuft. Doch das aktuelle Niveau erscheint zumindest geeignet, um eine ordentliche Kurserholung einzuleiten. Allerdings muss man beachten, dass das 38,20%-Retracement schon unterschritten wurde. In extrem dynamischen Märkten darf man die Chartmarken aber nicht zu genau nehmen.

Ein aktueller Einstieg ist derzeit nur längerfristigen Investoren anzuraten, die Teilkäufe geplant und noch Pulver für weitere Teilkäufe auf niedrigerem Niveau trocken haben. Spekulative Anleger sollten zumindest Ansätze einer Gegenbewegung abwarten, die es gestern noch nicht gegeben hat.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage
Ihr
Sven Weisenhaus

(Quelle: www.stockstreet.de)

Sven Weisenhaus ist Chefredakteur des renommierten Börsen-Newsletters Börse-Intern, der vom bekannten Börsen-Portal Stockstreet.de herausgegeben wird. Er schreibt dort auch die Analysen des „Target-Trend-Spezial“ - einem börsentäglichen Dienst, der den DAX und andere Indices nach der berühmten Target-Trend-Methode analysiert.

www.stockstreet.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

15 + 1 =