NUTZTE DIE US-NOTENBANK DIE KURSERHOLUNG DER AKTIENMÄRKTE?

Die US-Notenbank hat gestern den Leitzins außerplanmäßig um 50 Basispunkte gesenkt. Die sogenannte Fed Funds Target Rate befindet sich mit sofortiger Wirkung in einer Spanne von 1,00 % bis 1,25 %. Grund dafür ist natürlich der Coronavirus. „Die Fundamentaldaten der US-Wirtschaft bleiben stark. Das Coronavirus birgt jedoch ein sich entwickelndes Risiko für die Wirtschaftstätigkeit“, so die Federal Reserve in ihrem Statement zum Zinsentscheid.

Eile schien geboten

Dieser Schritt dürfte für viele Anleger völlig überraschend gekommen sein. Denn die nächste reguläre Zinssitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) findet eigentlich in 15 Tagen am 18. März statt. Die Fed hielt es aber offenbar für notwendig, bereits jetzt in die Märkte einzugreifen.

Für mich persönlich ist dies Eile unverständlich. Denn Leitzinssenkungen wirken grundsätzlich erst stark zeitverzögert auf die Märkte. Auf zwei Wochen wäre es daher eigentlich nicht angekommen. Nun wirkt der Zinsschritt so kurz vor der nächsten Zinssitzung, als wäre er dringend nötig gewesen. Und das ist ein schlechtes Zeichen für die Wirtschaft. Damit dürfte der eilige Zinsschritt die bereits weit verbreitete Verunsicherung eher noch erhöhen, statt kurzfristig zu helfen.

Baldige Zinssenkungen hatten sich angedeutet

Die Reaktion der Fed kommt allerdings längst nicht für alle Marktteilnehmer überraschend. Denn in den vergangenen Tagen hatten sich vermehrt Vertreter der Notenbanken öffentlich zu Zinssenkungen bereit erklärt. Aus den Reihen der US-Notenbank zum Beispiel hieß es vom Präsidenten des Fed-Ablegers von St. Louis, James Bullard, am Freitag auf einer Veranstaltung in Fort Smith, es gäbe bereits Überlegungen zu möglichen Leitzinssenkungen wegen des Coronavirus. Dies sei eine Möglichkeit, sollte sich der Ausbruch hin zu einer globalen Pandemie ausweiten, so Bullard. Die Erwartungen an einen frühzeitigen Zinsschritt wurden dadurch befeuert.

An den US-Börsen wurde zuletzt bereits fest mit einer Zinssenkung auf der Fed-Sitzung im März gerechnet. Nach den jüngsten Daten des Fed-Barometers der Terminbörse CME sahen die Investoren eine Wahrscheinlichkeit von 100 %, dass die Fed am 18. März ihren Leitzins um mindestens um 25 Basispunkte herabsetzt.

Zinserwartungen zum 18. März 2020
(Quelle: cmegroup.com)

Und auch der EZB wird eine baldige Zinssenkung unterstellt. Investoren am europäischen Geldmarkt sind sich mittlerweile zu 100 % sicher, dass die EZB auf ihrer Ratssitzung am 30. April ihre Strafzinsen für Banken weiter verschärfen wird und der Einlagensatz um 0,10 Prozentpunkte auf -0,6 % gesenkt wird. Für einen Zinsschritt bereits auf der EZB-Sitzung am 12. März wurde vorgestern eine Wahrscheinlichkeit von 65 % angenommen.

Es gab sogar Spekulationen, dass die Notenbanken in einer koordinierten Aktion heute gemeinschaftlich die Leitzinsen senken. Zumal die Finanzminister der G7-Staaten angekündigt haben, noch in dieser Woche über die Folgen des Coronavirus sprechen zu wollen. Der französische Finanzminister kündigte bereits eine konzertierte Aktion der Staaten an.

Neue langfristige Geldspritzen für Unternehmen?

Eine gemeinschaftliche Zinssenkung ist mit dem Vorpreschen der US-Notenbank nun vom Tisch. Aber natürlich dürften die anderen großen Notenbanken nun nachziehen. Und die EZB arbeitet Insidern zufolge auch noch an Geldspritzen für Unternehmen, die von den Folgen der Epidemie betroffen sind. Es könnten zum Beispiel langfristige Geldspritzen (TLTRO) zum Einsatz kommen, die gezielt auf kleine und mittlere Firmen ausgerichtet sind. Denn kleine und mittlere Unternehmen kommen generell nicht so leicht an Kredite wie große Konzerne, so die Insider. Und große Unternehmen profitierten bereits vom Ankaufprogramm der EZB für Firmenanleihen.

Dow Jones verliert wieder 1.000 Punkte

Jedenfalls kann ein Eingriff in den Markt bzw. die Wirtschaft durchaus sinnvoll sein und die Gemüter beruhigen. Der US-Notenbank ist dies aber offensichtlich kurzfristig nicht gelungen. Denn die Aktienmärkte zeigen sich seit dem Zinsschritt wieder extrem volatil. Der Dow Jones schoss zwar kurzzeitig nach oben, verlor von seinem Tageshoch bei fast 27.100 Punkten dann aber wieder rund 1.000 Zähler.

Dow Jones - Chartanalyse

Und dabei war die crashartige Korrektur der Aktienmärkte gerade erst in einer Kurserholung, nachdem sie zuvor Negativ-Rekorde aufgestellt hatte.

Eine Korrektur der Rekorde

Der Volatilitätsindex VDax, der die Nervosität der Investoren misst, schoss zum Beispiel auf ein Viereinhalb-Jahres-Hoch von 43,19 Punkten und verdreifachte sich dabei binnen weniger Tage. So stark und schnell war er zuvor noch nie gestiegen. Sein europäisches Pendant, der VStoxx, notierte mit rund 50 Punkten so hoch wie zuletzt vor achteinhalb Jahren. Hier summierte sich das Plus der vergangenen sieben Handelstage auch auf fast 300 % – ebenfalls ein Rekord. Und noch ein weiterer Rekord: Laut der Deutschen Bank war die Korrektur im S&P 500 die schnellste Korrektur des S&P 500 von einem Rekordhoch. Die Geschwindigkeit habe sogar den Rückgang der Episode des Schwarzen Montags im Oktober 1987 übertroffen.

Hat die US-Notenbank eine Kurserholung der Aktienmärkte abgewartet?

Warum die US-Notenbank also ausgerechnet jetzt, wo die US-Indizes ca. 50 % ihrer jüngsten Kursverluste aufgeholt hatten (siehe auch Fibonacci-Marken im Dow Jones-Chart oben), die Märkte derart überrascht, bleibt wohl ein Rätsel. Zumal sie ja nicht nur eine Zinssenkung außerplanmäßig vornahm, sondern dabei quasi gleich zwei Zinsschritte in einen packte (50 Basispunkte, statt der üblichen 25). Aber vielleicht hat sie auch genau diese Kurserholung und -beruhigung abgewartet, um nicht in die crashartig fallenden Kurse hinein ihre Entscheidung zu veröffentlichen. Wer weiß, welche Panik dann an den Märkten geherrscht hätte.

Erneute Kursberuhigung abwarten

Jedenfalls heißt es jetzt leider erst einmal wieder, sich besser aus dem erneut extrem volatilen Markt herauszuhalten, bis es zu einer weiteren Kurserholung bzw. Kursberuhigung gekommen ist. Denn nur dann wird man klare Trends bzw. Formationen erkennen können, die man sinnvoll traden kann.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage
Ihr
Sven Weisenhaus

(Quelle: www.stockstreet.de)

Sven Weisenhaus ist Chefredakteur des renommierten Börsen-Newsletters Börse-Intern, der vom bekannten Börsen-Portal Stockstreet.de herausgegeben wird. Er schreibt dort auch die Analysen des „Target-Trend-Spezial“ - einem börsentäglichen Dienst, der den DAX und andere Indices nach der berühmten Target-Trend-Methode analysiert.

www.stockstreet.de

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